Tharamants Letzter Tag

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118–177 minutes

01: Tharamant

Sie lehnte am Fenster. Einer ihrer Arme lag auf ihrer Tasche, der Koffer stand zwischen ihren Füßen. Unter ihr zitterte der Boden, wenn sich der Zug in eine Kurve legte. Vherendie gähnte, doch es war schon zu spät, um zu schlafen: In wenigen Minuten sollte sie an ihrem Ziel ankommen. Mit etwas Glück würde sie dann in ihrer Wohnung stehen, bevor die Sonne untergegangen war, und wenn dann später die blaugraue Sommernacht durch das Fenster ihres Schlafzimmers schien, würde sie schon lange schlafen.

Noch flimmerte jedoch die Abendsonne über den Dächern, Türmen und Mauern von Tharamant. Vherendie sah die Bauten der ärmeren Bürger vorüberziehen, drei- und fünfstöckige Mehrfamilienhäuser, die man ohne erkennbare Ordnung zusammengewürfelt hatte. Neben ihnen wurzelten hohe, alte Bäume mit grünen Kronen und warfen die ersten voreiligen Spätsommer-Blätter auf die Gehwege unter ihnen. In der Mitte der breiten Straße zog eine Straßenbahn dichten, schwarzen Rauch hinter sich her, der sich wie eine Schlange in den Himmel reckte. Menschen schlenderten durch den Abend oder saßen auf Stühlen mit drahtigen Beinen, die sie in den Schatten der Bäume gestellt hatten. In der Nähe der Bahngleise hängte eine Frau nasse Wäsche in das letzte Licht des Abends, während eine andere ein Gespann aus Pferden durch die Gassen führte. Das erste Pferd hielt sie am Zügel, die anderen folgten dem schmalen Blickfeld, das ihnen die Scheuklappen ließen.

Vherendie gähnte. Schon wieder. Es wurde Zeit, dass sie ins Bett kam. Sie streckte sich und schloss ihre Augen. Doch träumen konnte sie nicht. Ihre Gedanken kreisten um die Zukunft, die Gegenwart und die Vergangenheit. Sie sah sich alleine in der Stadt, alleine zwischen Trümmern, und alleine in der Nacht; sie sah sich in einem Käfig, verkümmert und ausgezehrt, und sie sah sich in einer Masse von Menschen, aufgequollen und unbeweglich, getrieben von einem Strom aus Händen wie ein Stück Treibholz in einem Fluss.

Der Zug rollte ruppig auf eine Trasse, die über den Straßen hing. Vherendie sah einen weißen Obelisken, der wie ein Leuchtturm aus Marmor aus dem Dächermeer ragte. An seinem Fundament lag eine der beiden Kasernen, in denen die Stadtwache ihre Truppen ausbildete. Als sie den Obelisken passiert hatten, sauste der Zug in einer langen Kurve nach Süden und kletterte auf die Hängebrücke, die über die breite Schlucht zwischen dem nördlichen und dem südlichen Plateau der Stadt führte. Der Kern von Tharamant lag am Boden der Schlucht, und durch die Lücken zwischen den Stahlträgern sah Vherendie Wohntürme, Villen, Lagerhäuser, Auktionshäuser, den Hafen, Händlerkähne und Fischergaleeren mit bunten Segeln, Wirtshäuser, Marktstände, Schulen, Handelskammern und das Rathaus mit seinem Kuppeldach aus oxidiertem Kupfer. Einige der Bauten trotzten schon seit fast zweitausend Jahren jedem Sturm, jedem Feuer und jedem Fortschritt: Jeder gute Tharamantiner wollte deshalb hier sein Haus oder Gewerbe haben. Die Nachfrage machte Neubauten nötig, und so wuchsen an den Felswänden der Schlucht kleine Wohnungen wie ein ungeordneter Stapel bunter Kisten empor. Enge Treppen verbanden sie miteinander, und dicke Seile trugen Fahrstuhlkabinen rauf und runter.

Doch von der Brücke aus konnte Vherendie noch etwas anderes sehen. Wenn sie weit über die Dächer der Stadt hinaussah und über die spitzen Wellenberge des Hafenwassers blickte, und wenn sie ihre Augen auf den Horizont richtete, dann konnte sie die scharfen Umrisse des Götterkeils sehen. Weit hinter vielen Kilometern Meer ruhte der Berg wie ein ewiges, unergründetes Mahnmal. Bei Nacht und Tag schimmerte er wie ein Stück Mond auf Erden.

Es wurde Zeit. Vherendie öffnete ihre Tasche und wühlte. Sie griff nach Notizbuch, Geldbeutel, Stiften, ihrem Hausschlüssel, Papieren – alles war da. Während sie die Tasche schloss, rückte sie ihre Brille zurecht. Sie gähnte und klopfte mit den Fingerspitzen auf ihren Wangen herum, um den Schlaf zu vertreiben. Danach ging ein weiterer Ruck durch den Zug. Er stieg von der Brücke, bog nach Osten ab und wurde langsamer. Er fuhr nun kaum schneller als eine Straßenbahn, und Vherendie sah die Menschen auf den Straßen, die vorher nur als Schatten an ihr vorbeigezogen waren. Sie sah einen Arzt, der in seiner Pause eine Zigarette rauchte. Eine Händlerin pries ihre Waren an. Zwei Stadtwachen führten ihre traditionellen Hellebarden wie Wanderstäbe über das Kopfsteinpflaster der Straßen. Neben einer alten Statue stand eine Gruppe Schüler im Kreis und lachte, und eine Straßenzaubererin unterhielt eine ganze Traube an bunt gekleideten Menschen, die sich um sie gesammelt hatten. Jemand warf ihr ein paar Münzen in den Hut, den sie vor ihrem Tisch auf den Boden gelegt hatte. Ein Hund schnupperte am Hut und folgte dann der Leine seines Herrchens.

Vherendie lächelte. Hier lebte sie – unter diesen Menschen war sie aufgewachsen. Manchmal fragte sie sich, wie es wohl gekommen wäre, wenn ihre Eltern vor Jahren in eine andere Stadt geflohen wären. Tharamant war kein Vergleich zu Antodun an der Westküste, das seinen blauen Himmel mit dem Rauch von Fabriken und Schmelzöfen verschleierte, oder zu der Stadt Gadagor, in der die Kräuter und Sträucher unbehelligt an den Häuserwänden wucherten. Tharamant war die reichste und freieste Stadt der bekannten Welt, und jeder sollte es sehen – egal um welchen Preis.

Noch während die Lok in den Bahnhof einfuhr, stand Vherendie auf und ging zur Wagentür. Sie wollte nur noch nach Hause, und sie wusste, dass sie etwas ändern musste.

02: Ankunft

Die Eisenbahn kreischte. Metall schliff über Metall, und das große, gebogene Dach über den Gleisen vibrierte. Rad und Schiene rüttelten an den Festen des Bahnhofs, bis sie plötzlich wimmerten und verstummten. An ihrer Stelle zischte die Lok, und weißer Dampf schoss aus ihren Schloten.

Vedian verstaute Stift und Notizbuch in der Stofftasche, die an einem faserigen Seil an seiner Schulter hing. Sein Herz klopfte – nicht, weil er Vherendie wiedersehen würde, sondern weil es noch in Frage stand, ob er sie wiedersehen würde. Denn am Bahnhof strömten die unterschiedlichsten Menschen über Bahnsteige, Treppen und Flure, und so es konnte schwer sein, einzelne Personen in der Masse zu finden. Wenn er nicht aufpasste, würde Vherendie vielleicht direkt an ihm vorbeilaufen.

Er stellte sich auf seine Zehenspitzen und suchte mit den Augen die Waggontüren ab – irgendwo musste sie jetzt aussteigen. Und da war sie auch schon, in der Tür am Ende des zweiten Wagens: Sie zog ihren Koffer hinter sich her und ließ ihn achtlos von Stufe zu Stufe poltern, bis er auf dem Bahnsteig aufschlug. Wie immer trug sie eine weite, schwarze Hose und das graue Hemd, das in der Mitte ihrer Oberarme endete, und hinter eckigen Brillengläsern leuchteten ihre großen, grünen Augen. Schwarze Haare, die erst auf ihren Schultern endeten, steckten in einem Band hinter ihrem Kopf. An ihrem Hals hing ihr einziges Schmuckstück: Es war ein Bernsteinfalke aus ihrer Heimat Masadrav, mit ausgebreiteten Flügeln, umringt von einem filigranen Kreis aus Sternen. Vor Jahren hatte sie ihn auf eine dünne, schwarze Lederkette aufgefädelt, damit sie ihn immer bei sich tragen konnte. Vedian liebte es, wie der Falke über ihrer dunklen Haut strahlte.

“Vedian, was machst du denn hier?”, rief sie ihm entgegen, als sie ihn auf sich zukommen sah. Ihre Stimme kratzte in seinen Ohren – sie war rauh und klang etwas tiefer, als man es von ihrer kurzen Statur erwartet hätte. Vherendie versuchte zu lächeln, stellte ihren Koffer ab und umarmte ihn. Auf seinem Rücken spürte er die Spitzen ihrer kleinen, dünnen Finger.

“Ich wollte dein Gepäck tragen”, antwortete er. Als er in ihre Augen blickte, glaubte er Gedanken zu sehen, die sie ihm nicht zeigen wollte.

“Wirklich”, murmelte sie. Sie klang müde, und als er den Griff ihres Koffers zu fassen bekam, atmete sie auf. Einen Moment lang wusste keiner der beiden, was er sagen sollte.

“Es war richtig langweilig hier ohne dich”, sagte Vedian schließlich. “Ich habe nur das Übliche getan, ich saß in den Archiven. Ich habe ein paar Briefe untersucht, ein paar Grabungsskizzen.”

Ihren Blick konnte er nur schwer deuten, und das beunruhigte ihn. In seinem Kopf hatte das alles so anders ausgesehen – sie war ihm um den Hals gefallen, hatte gelacht und ihm tief in die Augen gesehen, als ob sie ihn und die Welt in sich hatte aufsaugen wollen.

“Wie geht’s dir?”

“Lass’ uns gehen, Vedian.”

Schweigend gingen sie zu den Treppen, die in die Bahnhofshalle führten. Vedian warf einen letzten Blick auf die Bahngleise – Züge aus allen Ecken des Kontinents verschnauften hier. Schwere Dampflokomotiven aus Eisland würgten dunklen, dichten Rauch aus ihren Schloten, und neben ihnen keuchten die endlos langen Reisezüge von der Halbinsel Efortem. Am Fuß der Treppen kauften Fahrgäste ihre Wochenzeitung, stöberten in den Läden der Schmuckhändler oder deckten sich vor der Reise mit Proviant ein. Sie verabschiedeten ihre Liebsten, tranken ein Glas Wein vor ihrer Abfahrt und stürmten in letzter Sekunde zum Gleis; da war das Paar, das aus einem entfernten Winkel des Kontinents wiederkehrte und in Erinnerungen schwelgte. In der Bahnhofskneipe stand der Händler, der sich über den Ertrag seiner Geschäftsreise nach Senev freute und mit einer Runde Bier für seine Partner feierte. Eine Prozession von Mönchen diskutierte über das Konzil, das sie besucht hatten, und irgendwo zog ein Mädchen mit ihrem Koffer aus dem Bahnhof, nachdem sie ihren Freund in Diamant besucht hatte.

Vherendie steckte ihre Hand in die Hosentasche und sah auf den Boden. Bei jedem Schritt wippten die Haare hinter ihrem Kopf.

“Dann erzähl’ doch mal, wie war es denn in Gadagor? Ich war so lange nicht mehr dort”, fragte Vedian nach einer Weile. Sie schnaufte kurz und pustete eine dünne Strähne aus ihrem Gesicht, die sich aus dem Haarband gelöst hatte.

“Puh, wo soll ich denn anfangen? Ist halt eine Stadt im Wald – überall hat’s Bäume und Häuser. Ich hatte aber gar nicht die Zeit, mir etwas von Gadagor anzusehen, geschweige denn irgendwas dort großartig genießen zu können. Jede Stunde wartete ein anderer Vortrag oder eine Lesung. Ich habe alles andere nur im Vorbeiziehen mitbekommen, vielleicht nur die Schatten irgendwelcher berühmten Gebäude zwischen Messehalle, Gasthaus und Bahnhof gesehen. Abends gab’s dann ein Bier und ab ins Bett.”

So richtig hörte er gar nicht zu. Als sie ihre abtrünnige Haarsträhne wieder in das Haarband zwang, musste er lächeln – Vherendie tat dies im Laufe eines Tages bestimmt zwanzig oder dreißig Mal.

“Ja. Eine Stadt im Wald”, sagte er. “Vielleicht müssen wir da mal zusammen hinfahren. Im Frühjahr kann die Stadt ganz schön sein, wenn die Bäume nach dem Winter wieder erwachen und die Zugvögel aus dem Süden zurückkehren”

Sie nickte müde. “Ja, vielleicht. Aber, wenn ich ehrlich bin: Ich bin froh, wieder hier zu sein.”

Sie verließen den Bahnhof und stiegen die breite Treppe hinunter, die zum Bahnhofsplatz führte. Die untergehende Sonne spiegelte sich in den weißen Fassaden und Prachtbauten, die die Stadt verzierten. Vedian blieb stehen – da er nur zwischen seiner Wohnung und der Universität von Tharamant pendelte, sah er den Rest der Stadt fast nie.

“Ich war so lange nicht mehr in dieser Gegend, dass ich ganz vergessen habe, wie schön Tharamant zu dieser Stunde aussehen kann”, schwelgte er.

“So kenn’ ich dich ja gar nicht”, erwiderte sie und lächelte kurz. Es hielt nicht lange. “Aber du hast Recht. Tharamant hat seine schönen Seiten. Wer mit dem Zug hier ankommt, der findet sie fast sofort; als ob es jemand so geplant hätte. Ich bin mir sogar ziemlich sicher, dass es jemand so geplant hat.”

Auf der Straße, die in einem weiten Halbkreis den Bahnhofsplatz eingrenzte, winkte Vedian eine zweispännige Kutsche heran. Er grüßte den Kutscher und gab ihm den Zielort bekannt, dann lud er den Koffer in die Kabine. Vherendie schaute mit kleinen Augen durch ihre Brillengläser hindurch, als ob nur wenige Zentimeter vor ihnen eine endlose Leere stehen würde.

“Ziemlich sicher”, murmelte sie noch einmal.

Sie stiegen in die Kabine hinein und setzten sich auf die gepolsterten Bänke. Vedian bemühte sich, sein Lächeln zu halten. Durch die Fenster der Kutsche fiel das Abendlicht. Pferdehufe klackerten über das Pflaster der schönsten Stadt der Welt, und drinnen tippelte Vedian mit seinen Fingern auf seinem Oberschenkel.

“Ich freue mich ja, dich zu sehen, aber… erzähl’ mal, meine Gute. Wie geht es dir? Du siehst sehr müde aus.”

Das stimmte nicht ganz – in diesem Moment sah sie aus, als ob sie an der Wand der Kabine nach Worten suchte. Für einen Moment glaubte er, sie würde ihm so etwas wie *sag bloß* an den Kopf werfen. Doch stattdessen legte sie ihren Kopf an der Fensterscheibe ab. Dabei blickte sie ihn aus halb geschlossenen Augen an.

“Ich bin so müde,” fuhr sie fort. “Wenn diese verdammten Schnellzüge über die Schienen auf dem Land jagen, kannst du nicht schlafen. Zu viel Lärm, und alles wackelt. Dann eine ganze Woche Lesungen, Gespräche, den ganzen Tag, und immer wieder muss ich nett sein und allen zulächeln, damit ich vielleicht einmal zu einer Grabung eingeladen werde. Und dann bin ich heute noch vor der Dämmerung wieder in den Zug gestiegen – die Sommernächte sind in Gadagor so dunkel, selbst bis in den Morgen hinein. Muss an den ganzen Bäumen liegen, und in der ganzen Stadt scheint es keinen einzigen Gärtner zu geben.”

Sie starrte aus dem Fenster.

“Die Konferenz war spannend, auf jeden Fall! Doch jetzt frage ich mich, ob es sich lohnt, dafür eine Woche meines Lebens zu opfern.”

“Wieso?”, fragte Vedian. „Weil es müde macht? Mich hat das nie gekratzt.”

“Erzähl’ doch keinen Blödsinn”, sagte sie, hob ihre Augenbrauen und lächelte schwach – doch schon nach dem ersten Atemzug erschlaffte ihr Gesicht wieder. „Das letzte Mal hast du drei Vorlesungen ausfallen lassen, weil du so müde warst.”

Vedian erinnerte sich und nickte amüsiert.

“Nein, es macht nicht nur müde”, erläuterte sie. “Man hat da zwar viel zu wenig Schlaf, aber viel schlimmer finde ich, dass man die ganze Woche den dressierten Affen spielt, um am Ende vielleicht in irgendeiner Zeitung zu stehen oder bei einer Grabung eine Tonscherbe zu finden.” Sie schloss die Augen und rieb mit ihren Fingerspitzen über ihre Stirn, als ob sie Kopfschmerzen hätte.

“Und das Beste daran ist”, ergänzte Vedian, “dass auf so einer Konferenz jeder eine Mitschrift anfertigt. Bald gibt’s Zeitschriftenartikel, oder Bücher. In ein paar Monaten wirst du alles, was auf dieser Konferenz besprochen wurde, in ‘Frühgeschichte’ oder ‘Historische Rezension’ lesen können.”

“Vielleicht will ich das gar nicht”, brummte sie und öffnete ihre Augen wieder. “Denn seitdem Athelac, von Sagenas und du eure Bücher veröffentlicht habt, geht’s nur noch um euch. Ich begreife diese Welt nicht mehr: Seriöse Wissenschaftler wie van Trinitas schließen sich mit ehemals seriösen Wissenschaftlern wie Meran Athelac zusammen.”

“Van Trinitas war da?”

“Nein, zum Glück nicht. Aber Dorozhan hat ihn in einem Kurzvortrag zitiert. War eine ziemliche Enttäuschung.” Sie sah aus dem Fenster. Ein paar Sekunden später verdrehte sie die Augen.

“Vedian, im Ernst – deine Forschung beruht auf voreiligen Schlüssen und viel gutem Willen. Jeder weiß das. Auch du weißt das.”

“Natürlich weiß ich das. Es verkauft Bücher.”

“Es ist aber keine Wissenschaft!”, zischte sie. Obwohl sie ihren Kopf noch immer an der Fensterscheibe der Kabine ausruhte, zuckte in ihrem Blick etwas, das ihn an den Blick eines gerade erwachten Tigers erinnerte. “Es gibt logische, nachvollziehbare Erklärungen für das, was wir im Boden finden. Unsere Vorfahren wussten, wie man Stahl biegt. Sie konnten große Bauten errichten. Die ältesten Beweise für menschliche Siedlungen sind dreitausend, nicht siebentausend Jahre alt. Wer etwas anderes behauptet, arbeitet mit zweifelhaften Datierungsmethoden.”

Er sah sie lange an und überlegte, wie er ihr antworten sollte. Doch er fand nichts. Sie hatte Recht, und er hatte kein Problem damit.

“Weißt du eigentlich, dass du verdammtes Glück hast? Die Universität von Tharamant beschäftigt dich auf Grund eines Buches, dessen Beweisführung – um es nett zu sagen – auf dünnem Eis steht? Keine andere Universität hätte dich eingestellt. Niemand. Doch du darfst dich ‘Professor’ nennen. Wegen. Einer. Lüge. Und alles redet über dich. Und die seriösen Wissenschaftler fangen an, dir zu folgen.”

Vedian sah aus dem Fenster, in eine Kaufmannsstraße mit Bäckern, Juwelieren und Buchhändlern hinein. Dann blickte er Vherendie an, die ihre Brille abnahm und sich die Augen rieb.

“Es ist keine Lüge”, sagte er und lehnte sich nach vorne, ganz so, als ob er mit ihr eine Verschwörung besprechen wollte. “Es ist Spekulation, und die verkauft sich gut. Die Leute in den Städten langweilen sich, und ich biete ihnen Abenteuer, Geheimnisse und Unterhaltung.”

Sie schnaufte und schüttelte den Kopf.

“Widerlich.”

“Was?”

“Manchmal finde ich echt widerlich, was du tust. Manche Menschen arbeiten ihr ganzes Leben, um deine Position zu kriegen.”

“Wahrhaftig”, entgegnete er. In seiner Brust spürte er einen kleinen Stich, und ihm wurde heiß. Er kannte Vherendies Sicht auf seine Arbeit, doch es tat immer wieder weh – weil er wusste, dass sie Recht hatte, und weil sie nicht wusste, dass er einen anderen Weg gewählt hätte, wenn es damals möglich gewesen wäre.

Vherendie sah ihn für einen kurzen Augenblick an, dann schüttelte sie erneut den Kopf und setzte ihre Brille wieder auf. Er lehnte sich zurück ins Polster seiner Sitzbank.

“Es tut mir Leid, wenn dieses Thema momentan solche großen Wellen schlägt und dabei andere, wichtigere Themen verdrängt”, sagte er.

Sie holte einmal tief Luft, blickte aus dem Fenster und sah ihn dann an. Da waren sie wieder, die müden Muskeln unter der Haut, die dunklen Schatten unter den Augen. An anderen Tagen sah er in ihren Augen so gerne den Spiegel ihrer Intelligenz, ihres Ehrgeizes und ihres Lebenswillens. Doch an diesem späten Nachmittag sah er fast nichts in ihnen, abgesehen von der hohlen, dunklen Kabine, die sich in ihnen spiegelte.

“Vedian, dieses Kapitel ist für mich zu Ende.”

“Was meinst du damit?”

Sie holte noch einmal tief Luft, sah sich um, faltete ihre Hände ineinander und beugte sich nach vorne.

“Ich weiß nicht. Manchmal fühlt es sich so an, als ob es nur eine Richtung gibt, die ich einschlagen kann, und die kann ich noch nicht einmal selber wählen. Jeder erwartet von mir Dinge, die ich eigentlich nicht machen möchte, aber in denen ich gut bin.”

“Ich verstehe dich nicht. Wer erwartet denn irgendwas von dir?”

Sie schüttelte den Kopf, langsam, und sah in die Ferne. Hinter den Häuserdächern lag irgendwo das Meer, und es sah aus, als ob sie dahin fliehen wollte.

“Ich kann es dir nicht sagen”, murmelte sie schließlich und sah ihn an. “Es fühlt sich an, als ob es da ganz viel Druck geben würde, der auf meinen Schultern liegt… Die Stadt, die Menschen, alle scheinen mir zu sagen, dass ich mit den Dingen weitermachen muss, in denen ich gut bin, oder ich werde keine Arbeit finden, kein Geld bekommen und keine Familie ernähren können.”

Vedian runzelte die Stirn.

“Willst du überhaupt eine Familie?”

“Was weiß ich. Aber jeder scheint es von mir zu erwarten.”

Von draußen leuchtete das Sonnenlicht in die Kabine. Innen wuchs die Kälte. Plötzlich verstand Vedian.

“Bist du dir sicher?”, fragte er. “Weißt du, was aus deinen Studien wird?”

Sie sah aus dem Fenster und schwieg. Eine Straßenbahn fuhr an ihnen vorbei und sie blickte ihr hinterher, folgte dem Rauchschwall, bis er in der Luft verschwunden war. Dann wanderten ihre Blicke weiter über den Himmel, als ob sie Vögel wären, die einen Wald vor dem Waldbrand verlassen.

“Bist du sicher, dass diese… Entscheidung nicht nur das Resultat deiner Erschöpfung ist? Dass du nicht nur müde bist?”

Sie nickte aus dem Fenster. Vedian lehnte sich erneut zurück auf die Sitzbank, fiel in das glatte Lederpolster und drehte den Kopf, um nach draußen zu sehen.

Die Kutsche verließ die reiche Bahnhofsgegend und fuhr in ein nicht ganz so reiches Wohnviertel. Doch selbst hier wohnten die Menschen noch immer sehr wohlhabend – sie hatten hier hauptsächlich zweistöckige Villen gebaut. Mit maßgeschneiderten Gärten und flachen Schrägdächern standen sie vor dem Hintergrund der unbehauenen Klippen der Küste, die ihre schroffen Vorsprünge voller Spalten und Risse in den Himmel reckten. In noch ärmeren Vierteln standen die Vielfamilienhäuser, mehrstöckige Kästen, die in vielen Gegenden die Klippen emporwuchsen wie Efeu an den Häuserwänden. Die schlichten Häuser der Stadt wussten jedoch, wie sie ihre farblose Geometrie mit dem Geschick von Malern und Bildhauern verbergen konnten: Eingravierte und aufgemalte Schiffe, Seeschlangen und Meeresvögel, Schriftrollen, Fernrohre, Fische und Wassergeister verzierten Mauern, Säulen, Treppen, Fensterläden, Türen und Tore. Den Bürgern der Stadt fiel dies oft nicht mehr auf; sie waren hier aufgewachsen. Doch Reisende erzählten in fernen Ländern von diesem “Meer in der Stadt”, und berichteten, wie Tharamants Bürger das Wasser und die Münze an jedem Meter anbeteten. Die bekanntesten Worte über die Stadt kamen daher nicht von einem Einheimischen – sondern vom wandernden Künstler Yilias. Der malte vor einem halben Jahrhundert ein zehn Meter langes Wandgemälde von Tharamant an die Außenwand des Rathauses und nannte die Stadt ein “hohles Fassadengrab, für das nur der schöne Schein zählt”. Das Geld für diesen Auftrag hatte er trotzdem gerne angenommen.

“Ich werde dich vermissen”, sagte Vedian. Sein Herz klopfte. Vherendie sah plötzlich hoch, dann wandte sie ihren Blick ab. Sie drehte die Augen nach oben, sah dann immer wieder zwischen Fenster und ihm hin und her, konnte aber keinen Blick lange halten.

“Ja”, sagte sie schließlich und blickte wieder aus dem Fenster. Er hatte auf eine längere Antwort gehofft.

Die Pferdehufe klackerten noch immer auf dem Pflaster. Die Sonne sank immer noch gen Horizont. An der richtigen Adresse hielt der Kutscher am Straßenrand an. Vherendie wohnte schon seit Jahren im Dachgeschoss einer befreundeten Händlerfamilie und zahlte nur wenig Miete. Vedian fragte sich, wie sie die überhaupt bezahlte.

Eines der Pferde wieherte. Vedian bestand darauf, den Fahrer zu bezahlen und gab ihm ein doppeltes Trinkgeld.

“Soll ich mitkommen? Ich kann dir deinen Koffer tragen.”

“Vielen Dank, mein Guter. Für heute hast du schon genug getan. Ich fand es sehr schön von dir, dass du mich abgeholt hast. Denk daran… Was ich von deiner Arbeit halte hat nichts mit dem zu tun, was ich von dir halte. Glaube ich.”

Er nickte ihr zu. Sie ging zur Haustür. Vedian sah ihr hinterher und beobachtete, wie sie ihren Schlüsselbund aus der Jackentasche nahm, den passenden Schlüssel fand und die Tür öffnete. Bevor sie in der Villa verschwand, winkte sie ihm noch ein letztes Mal zu.

Mit beiden Händen in den Hosentaschen ging er die Straße hinab. Seine Wohnung war etwa eine halbe Stunde entfernt. Die Sommerluft kitzelte seine Haut, und in ihr lag der Klang von Mensch, Meer und Wind. Noch schien die Sonne, und Vedian überlegte, ob er das letzte Tageslicht bei einem Spaziergang im Park nutzen sollte. Dann dachte er jedoch an Vherendie und spürte, wie alle Lust ihn verließ.

Später stand er vor seiner Wohnung im dritten Stock des Hauses Nummer Acht im Weltmannsweg. Er öffnete die Tür, ging hinein, trat über den Flusenteppich im Eingangsflur, an der Tür zum Badezimmer vorbei, hinein ins Wohn- und Schlafzimmer. Hier verschwanden der halbe Fußboden, ein Sessel und der Schreibtisch unter Massen beschriebener Papiere. Halb gelesene Bücher unterdrückten alte Tageszeitungen, dreckige Wäsche und vergilbte Notizhefte. Nur schwach drang das Abendlicht durch die geschlossenen Gardinen. Vedian überlegte, seine Küche aufzusuchen, merkte aber, dass er nicht wirklich etwas essen wollte. Als er sein Bett von der Kleidung befreite, die er heute morgen dort abgelegt hatte, wusste er plötzlich, was er den restlichen Abend lang wirklich machen wollte: Schlafen, und nie wieder aufwachen. Er hatte sich das alles anders vorgestellt.

Bevor draußen die Sonne unterging, zündete Vedian eine dicke Kerze an. Mit zusammengekniffenen Augen hielt er seine Armbanduhr in das schwache Licht der Kerzenflamme und spürte einen sanften, kalten Lufthauch, der vom offenen Fenster hereinwehte. Dann legte er sich auf seinen Bauch und versuchte, etwas in ein Notizbuch zu schreiben – Schlagworte für seine nächste Vorlesung. Er wollte mit seinen Studenten über die alten Sprachen sprechen, die man immer wieder auf ausgegrabenen Relikten las, die aber niemand entziffern konnte. Schriftbild und Wortlänge passten nicht zu den Schriften, die die Menschen im Reich Ulýviran verwendeten, und sie waren weit entfernt von einem einheitlichen Sprachbild. So wie Vedian es sah, zeigte das Alâon der Vergangenheit einen Flickenteppich verschiedenster Sprachen und Völker, der-

Plötzlich tönte ein Klopfen durch seine Wohnung. Eine Hand auf Holz. Als es noch mal klopfte, stand Vedian auf. Er ging zur Wohnungstür und öffnete sie. Sofort durchfuhr ein kalter Stich seine Brust. Seinem Gegenüber ging es anscheinend genau so, denn in den ersten Sekunden sagte keiner von beiden etwas.

“Vedian”, brummte Vherendie. Sie stand vor ihm, und sie sah noch immer müde aus. Ihre Haare steckten nicht mehr im Haarband, und ihre Augen bewegten sich immer wieder zwischen Boden und seinen Augen hin- und her.

“Willst du mich vielleicht hineinbitten?”

Er hielt ihr wortlos die Tür auf und ging einen Schritt zur Seite. Sie lief an ihm vorbei, kleine Schritte, den Blick gesenkt; dabei zog sie ihre Finger immer wieder zu kleinen Fäusten zusammen, um sie sofort wieder auseinander zu strecken.

“Setz’ dich”, bat er sie, dann fiel ihm ein, dass sie in *seiner* Wohnung war und die Suche nach einem Sitzplatz einen Kampf mit dem Chaos bedeutete. “Wenn du hier irgendwo Platz findest, aber… Das kennst du ja.”

“Danke.” Sie setzte sich auf die Kante seines Bettes, dann fiel ihr Blick auf die einsame Kerze. “Es ist dunkel hier.”

“Ich weiß, ich arbeite aber gerne mit wenig Licht. Kann dabei besser denken.”

“Du arbeitest um diese Zeit noch?”

“Was soll ich denn sonst tun?”, entgegnete er und hoffte, dass er nicht zu schroff klang. “Ich muss morgen immerhin eine Vorlesung halten. Aber ich glaube nicht, dass du mit mir über die Beleuchtung meines Schlafzimmers oder die Arbeit sprechen willst. Warum bist du hier? Willst du die Bücher zurückbringen, die du dir ausgeliehen hast? Oder willst du die Bücher zurückholen, die ich mir ausgeliehen habe?”

Sie blickte auf einen Stapel von dicken Einbänden, der auf einem kleinen Tisch in der Ecke fast bis zur Decke wuchs. Im Kerzenlicht glaubte er, ein Lächeln zu erkennen, doch es endete auf halbem Wege.

“Dafür gibt es Briefe, Pakete und Briefträger”, sagte sie und spielte mit ihren Fingern. “Hast du einen Tee für mich? Ich brauche irgendwas.”

“Tut mir Leid, aber ich habe vergessen, welchen zu kaufen”, entgegnete er. Wieder fühlte er einen Schmerz in seiner Brust, denn er wusste, dass Gespräche, die so begannen, niemals ein gutes Ende für denjenigen nahmen, der sie nicht begonnen hatte.

“Du hast jemanden kennen gelernt in Gadagor, hab’ ich Recht?”, fragte er sie und versuchte, seinen Blick und seine Lippen still zu halten. “Ich habe schon viel zu viele schlechte Liebesgeschichten gelesen und glaube, dass du mir genau das sagen willst.”

Sie sah zur Tür, dann wieder zu ihm.

“Wenn’s das nur wäre”, seufzte sie und klopfte mit der flachen Hand einmal auf die Decke neben ihr. “Setz’ dich bitte zu mir, mein Guter.”

Zögernd trat er auf sie zu, setzte sich dann neben sie. Er spürte ihren Arm an seinem, fühlte, wie sie atmete. Wäre dieser Moment noch stiller gewesen, hätte er ihren Herzschlag hören können, der mit seinem um die Wette schlug. Vedian spürte, wie es warm in seinem Bauch wurde, und er blickte zu Boden. Vherendie merkte, dass ihr Fuß auf einem beschriebenen Blatt Papier am Boden ruhte. Als sie ihn wegzog, verdunkelte ein Stiefelabdruck die Notizen auf dem Zettel.

“Wir kennen uns schon so lange”, flüsterte sie. Ihr Stimme zitterte durch seinen ganzen Körper, von der Schulter hinab bis in die Zehenspitzen. “Und auch wenn ich noch nicht weiß, wie meine Zukunft aussehen wird, dann weiß ich zumindest eins: Ich weiß, dass das mit uns beiden nichts wird.”

Vedian konnte die Luft hören, die aus dem dünnen Spalt zwischen ihren Lippen strömte. Dann sah er ihr in die Augen hinter den Brillengläsern, auf denen sich der Schein der Kerze spiegelte. Er schluckte.

“Was meinst du damit?”, fragte er.

“Ich weiß, warum du vorhin am Bahnhof warst”, erklärte sie. “Es gab Zeiten, da wäre ein Leben mit dir genau das gewesen, was ich gewollt hätte. Nun nicht mehr.”

“Das verstehe ich nicht. Was habe ich denn gemacht?”

Sie blickte zum Boden und schien zu überlegen. Er konnte an ihrem Blick sehen, dass sie nicht mehr nach den richtigen Worten suchte, sondern nur noch darüber nachdachte, ob sie ihm mit diesen Worten antworten sollte.

“Nichts”, sagte sie schließlich und sah ihn an. “Und genau das ist das Problem.”

Er schluckte erneut. Vherendie stand auf und nahm ein Buch vom Bücherstapel. Es war ein Bildband mit schwarz-weißen Landschaftsaufnahmen, die ein Photograph vor einigen Jahren bei einer Reise über den ganzen Kontinent aufgenommen hatte.

“Du hast ein Buch geschrieben”, murmelte sie und blätterte. “Vor ein paar Jahren. Und seitdem ist nichts mehr passiert. Vielleicht schreibst du irgendwann ein zweites, ein drittes. Vielleicht arbeitest du dich in der Fakultät nach oben. Vielleicht wirst du sogar glücklich damit.”

Sie legte das Buch wieder auf den Stapel und drehte sich zu ihm um.

“Aber… Ich werde auf diese Weise nicht glücklich werden”, schloss sie und steckte ihre Hände in die Hosentaschen.

“Vherendie, du kannst großartige Dinge schaffen”, entgegnete Vedian, und er hoffte, dass sie nicht merkte, wie sehr er seine Stimme unter Kontrolle halten musste. “Du bist eine Wissenschaftlerin. Du hast Großes vor dir und kannst die Welt verändern. Ich bin nur der Kerl mit dem Buch – mich werden die Menschen in ein paar Jahren vergessen, aber mit dem Talent, das du hast, musst du einfach weitermachen.”

Sie sah ihn an und schwieg für einen Moment. Der Kerzenschimmer tränkte ihre dunkle Haut in den Farben von Feuer, Glut und Magma.

“Nein, muss ich nicht”, erklärte sie. “Ich bin in den letzten Jahren meines Lebens auf dem falschen Pfad gelaufen. Ich war schnell unterwegs, schneller als manch anderer; aber das ändert nichts daran, dass es der falsche Pfad gewesen ist.”

Vedian vergrub seinen Kopf in seinen Händen.

“Du willst all das wegwerfen”, knurrte er. “Eine akademische Karriere? Eine der sichersten Karrieren, die du in Tharamant verfolgen-“

“Vedian, halt die Klappe!”, zischte sie. Er verstummte und sah zu ihr hoch. “Es ist schlimm genug, dass du meine Entscheidung nicht respektierst. Aber noch viel kränkender finde ich, dass du meine Karriere benutzen willst, um mich bei dir zu halten. Das sollte nicht dein Niveau sein, Vedian, und erst Recht nicht in diesem Moment. Steh’ einmal im Leben zu deinen verdammten Gefühlen.”

Als sie sah, dass er schwieg und in die Leere starrte, setzte sie sich wieder zu ihm auf das Bett. Vedian spürte, dass sie zitterte.

“Ich liebe dich”, sagte er schließlich und atmete tief aus, als ob ein Gewicht von seiner Brust gefallen wäre. “Das weißt du. Du wusstest das schon immer.”

“Ja”, sagte sie und nickte. “Ich liebe dich auch. Aber mein Weg führt mich in eine andere Richtung.”

“Wohin denn?”

“Das weiß ich noch nicht”, antwortete sie. Dann legte sie ihre Hand auf seine Schulter. Rund um ihre Finger wurde es warm.

03: Sommerschnee

Ancardia trug einen ihrer drei Koffer durch das Treppenhaus. Dahales schleppte die anderen beiden und dazu noch seinen eigenen – irgendwie funktionierte das schon. Als sie an der Tür war, suchte sie ihren Schlüssel aus der Tasche, schloss auf und ging hinein. Sie drehte sich zu Dahales um, nahm ihm die anderen Koffer ab und trug sie ins Schlafzimmer, um sie dort neben den Kleiderschrank zu stellen.

Dann verließ sie das Schlafzimmer wieder und nahm Dahales in die Arme. Sie drückte ihn fest an sich und legte ihren Kopf an seine Brust. Ihre Kopfhaut kribbelte, als er sie mit seinem dichten Bart auf ihrem Kopf auflag, Dahales war größer und breiter als sie.

Zum tausendsten Mal sah sie ihm in die Augen. Dann ging sie in die Küche, während Dahales die Tür schloss und die Vorhänge an den Fenstern aufzog. Hier begrüßte ihn das letzte Licht, das heute auf Tharamant fallen sollte. Er hob seinen Blick über die Stadt. Seine ersten Schreie hatte er dort hinten in die Welt gerufen, im ersten Großkrankenhaus der Stadt, das man gerade zwei Wochen vor seiner Geburt eingeweiht hatte. Später war er zur Schule am Hafen gegangen; als er dann älter wurde, half er im Schankhaus Wiltfeuer aus, das in der Innenstadt lag. Dort fand er seine erste große Liebe: Das Kochen. Dahales lernte das Handwerk unter dem Meisterkoch Salyar Olyan, der in der Nähe des Altstadtviertels eine Schule für Köche führte. Danach arbeitete er eine Weile in verschiedenen Restaurants in der ganzen Stadt.

Auf der Feier eines Freundes, für den er kochte, hatte er dann seine wunderbare Ancardia kennengelernt, die in der Waldstadt Gadagor aufgewachsen war und so geschickt mit Wörtern umgehen konnte. Seit zwei Jahren waren sie nun verheiratet, ihr Leben so simpel wie die Alliterationen, für die sie arbeiteten: Er kochte im Gasthaus Münzmeer in der Altstadt, sie schrieb derweil für den TT, den Tharamantiner Tagesboten. Das Zeitungsgebäude konnte er von hier aus nicht sehen, die Altstadt jedoch schon. Und überall schien das Meer zu wogen. Dahales konnte es sehen und riechen, und er konnte den Wind fühlen, der die Wellen streichelte. Es war ein kühler Luftstrom, der an diesem warmen Spätsommerabend genau richtig war.

Er drehte sich um. Ancardia kam gerade aus der Küche heraus und trat in die letzten Sonnenstrahlen des Tages. Er suchte nach guten Worten, fand aber keine; das war ihre Stärke, nicht seine. Still sah er sie an und fühlte, wie es in seinem Bauch kribbelte – es war einer dieser Abende, an denen er all seine Probleme vergessen konnte.

Sie hatten Hunger. Ancardia verschwand im Badezimmer. Dahales bereitete ein spätes Abendessen vor. Er warf zwei Stücke Fisch in die Pfanne über einer kleinen Gasflamme, später Gewürze und kleine Zwiebelstücke, die im Bratöl umhersprangen wie der Fisch es mal im Wasser getan hatte. Reis schwamm im Topf nebenan, tanzte auf den heißen Wellen, bis sein Gewicht ihn auf den Grund zwang. Er goss das Wasser aus, formte zwei kleine Bälle aus dem Reis, legte jeden auf einen von zwei weißen Tellern, dazu dann den Fisch. Dazu gab es Wein, einen richtig guten Wein aus den Bergen nahe Gadagor. Sie hatten ihn von ihrer Reise mitgebracht. Das Gericht war daher auf eine surreale Art exklusiv – in Tharamant, anders als in Gadagor, wuchsen weder Reis noch Traube; man musste sie teuer importieren. Nur der Wohlhabende aß hier das, was in Gadagor als Fraß und Trank der armen Leute verschrien war. Der Fisch hingegen war klassisch für Tharamant: Dreifinnenbarsch, gefangen vor der Küste, verkauft vom Hafenviertel bis zum Bahnhofsvorplatz.

Natürlich lächelte Ancardia ihn an. Als sie wieder aus dem Badezimmer kam, hatte sie nur ein paar weiße Tücher um ihren Körper geschlungen. An den dünnen Waden glänzte Wasser auf der bronzefarbenen Haut. Ihre schwarzen Haare tropften in dunklen Wellen über ihren Rücken. Sie war viel zu schön für die Arbeit, die sie sich machte – mit ihrem Gesicht und ihrer Figur hätte sie reich heiraten können und damit ausgesorgt. Stattdessen hatte sie sich für ihn entschieden, und für ein Leben voller Arbeit.

Sie setzten sich gegenüber an den Tisch auf ihrem Balkon und stachen die Gabeln in Reis und Fisch. Hunger, Genuss, ein paar Blicke. Dann der Klang der beiden Weingläser, als ihre Ränder aneinanderstießen. Dahales räumte das Geschirr in die Küche, dann kam er zurück auf den Balkon. Ancardias Haare trockneten in der Sommerluft. Es wurde Nacht.

“Was ist das, Dahales?”, fragte sie. Sie starrten in den Himmel, in dem etwas zu entdecken war, das nicht zur Nacht gehörte; und erst recht nicht zu einem warmen Sommer. Schnee fiel aus dem wolkenlosen Himmel.

04: Zelle

Nein. Nein. Nicht schon wieder.

Er hustete und ruderte mit den Armen. Irgendwann stießen seine Hände gegen nasse, alte Kopfsteine. Zitternd krallte er seine Finger in die Fugen zwischen den Steinen, fiel auf die Knie und würgte. Er roch Salz, schnappte nach Luft und glaubte zu spüren, wie Wasser in seine Lungen drang. In seinen Ohren rauschten die Wellen des Ozeans, doch in der Ferne klopften Pferdehufe auf dem Pflaster. Straßenbahnräder scheuerten über Schienen und die Beine der Stadtbewohner trappelten über den Bürgersteig. Ein leises Murmeln schwang im Wind über einer Stadt, und irgendwo klang eine Glocke.

Als er tief Luft holte, atmete er feuchten Kellerstaub ein. Über die Falten seiner Haut rannten schwere Tropfen: Schweiß, kein Meerwasser. Die Nässe klebte sein blasses Leinenhemd an seine Brust. Zwischen den Kopfsteinen versank die letzte Gischt der See, und erst jetzt verstand er, dass er nicht im Meer ertrank. Niemand hatte seine Zelle geflutet. Die Sonne strahlte durch ein winziges, vergittertes Fenster, das viel zu weit oben hing, um hindurch zu sehen.

Nein. Er ertrank nicht. Mit geschlossenen Augen drehte er sich auf den Rücken und lauschte den Klängen von Tharamant. Er konnte nicht sagen, wie lange er geschlafen hatte. Seine Träume erzählten vom Meer, seiner Tochter und von den fliegenden Walen, die Blitze und heiße Bolzen aus ihren Metalflossen feuerten. Donnerwale nannte er sie: Sie schwammen wie die Libelle durch den Himmel, seitwärts, rückwärts, auf der Stelle stehend, senkrecht – aber mit den weichen Zügen eines Buckelwals.

Nein. Nicht schon wieder. Er wollte sich nicht schon wieder erinnern.

Müde stand er auf und blickte auf das Bett, von dem er gefallen war. Auf dem dürren Drahtgestell lag eine dünne Matratze, die den Schweiß, Speichel und Urin von tausend Gefangenen in ihrem Futter trug. Er holte aus und trat mit seinem nackten Fuß gegen das Gestell; es klapperte, als hätte es überhaupt kein Gewicht.

Jemand klopfte an der Zellentür und öffnete den Sichtschlitz. Zwischen eingravierten Segeln, Wellenmustern und mythischen Menschenwesen mit Schwimmhäuten zwischen den Fingern erschien ein Augenpaar, das wie der Himmel zwischen Eismeer und Sommerwolken leuchtete. Ein schmaler Gesichtsstreifen umrahmte es im Halbdunkel, und zwar so, dass er weder den Nasenansatz erkennen konnte, noch die Augenbrauen.

“Guten Morgen, Herr Nesfalador Agodan – wenn das denn ihr vollständiger Name ist”, sprach die Person hinter der Tür. “Mein Name ist Feyhen Yhorarie. Ich bin Ihr Arzt und Verteidiger vor dem Stadtgerichtshof Tharamant.”

Nesfalador knurrte, nickte, hielt den Augenkontakt, stumm, mit geballten Fäusten. Ihm war kalt, und sein Fuß schmerzte. Ihn störte, dass er nicht sehen konnte, wer auf der anderen Seite der Tür stand. Die Stimme klang wie die eines Menschen, der zu viel Zeit in viel zu kompliziert geschriebene Bücher steckte.

“Sie wurden vor drei Wochen eingeliefert, weil Sie am Strand in der Nähe des Dorfes Alretain streunten und die Dorfbewohner mit – ich zitiere – ‘beunruhigenden Geschichten’ belästigten”, erklärte der Arzt. Er sprach jedes einzelne Wort sauber und deutlich aus, ohne einen einzigen Fehler, ohne unsicheres Zittern in den Vokalen und ohne falsche Betonung auf den Silben. Und er sprach schnell, fast zu schnell. “Die daraufhin von der Hirnwissenschaftlichen Vereinigung Tharamants eingeleitete Untersuchung Ihres Geisteszustandes spricht von einer – ich zitiere erneut – ‘paranoiden Verwirrung, Angstzuständen und einer unproduktiv-lähmenden pessimistischen Grundperspektive.’”

“Ich weiß”, brummte Nesfalador.

Der Mann hustete in seine Hand. Für einen kurzen Moment verschwanden die Augen aus dem Sichtschlitz, dann tauchten sie wieder auf. Sie sahen älter aus, als es der Klang seiner Stimme vermuten ließ.

“Herr Agodan. Das Verfahren vor dem Stadtgerichtshof beginnt in drei Tagen. Ich wiederhole mich nur ungern: Ich bin Ihr Verteidiger und Arzt. Was den Grund meiner Anwesenheit betrifft: Laut den Gesetzen der Stadt werden die Symptome Ihrer Krankheit mit einer Methode geheilt, die ich persönlich für menschenunwürdig und schlichtweg faul halte.”

Nesfalador schloss die Augen und stöhnte auf. Er schleuste die Bürokratensprache durch seine Ohren und versuchte, den Mann zu verstehen. Sein Kopf schmerzte, sein Fuß nicht mehr.

“Warten Sie, nicht so schnell. Ich… Ich leide an keiner Krankheit”, entgegnete er und ging einen Schritt auf die Tür zu. Selbst aus der Nähe konnte er nicht mehr als das blaue Augenpaar erkennen.

“Das ist Tharamant egal. Die wollen Sie nur von der Straße herunter haben.” Die Augen hinter dem Sichtschlitz wanderten kurz zur Seite, dann sahen sie ihn wieder an. “Sie bluten übrigens aus dem rechten Ohr.”

Während Nesfalador beiläufig seinen Hemdzipfel nahm, ihn um seinen Zeigefinger wickelte und damit in seinem Ohr bohrte, um das Blut auszuwischen, verschwanden die Augen erneut. Dieses mal hörte er Papier auf der anderen Seite der Tür, als ob Yhorarie durch eine Akte oder die Notizen auf einem Klemmbrett blätterte.

“Sie müssen wissen: Tharamant ist eine saubere Stadt”, erklärte Yhorarie. “Das bedeutet auch, dass sie keine selbsternannten Propheten sehen möchte, die auf ihren Straßen herumlungern und die rechtschaffenen Bürger belästigen. Von der Schädelwissenschaftlichen Vereinigung Tharamants wird daher eine bestimmte Methode eingesetzt: Die Lobotomie. Dabei wird eine lange, dünne Nadel durch ihre Augenhöhle direkt in ihr Gehirn eingeführt, um die Bereiche zu zerstören, die für ihre vermeintliche Störung verantwortlich zu zeichnen sind. Nehmen Sie doch bitte den Finger aus dem Ohr, wenn ich mit Ihnen spreche.”

“Die wollen also einen Nagel in meinen Kopp hauen.” Nesfalador nahm den Finger aus seinem Ohr.

Die Augen im Sichtschlitz wurden noch ein bisschen kleiner, und Yhorarie neigte seinen Kopf nach vorne, sodass etwas mehr Licht auf die Haut fiel. Nesfalador konnte die unteren Spitzen der Augenbrauen sehen, doch sie standen so dünn und blass im Licht, dass Yhorarie ebenso auch keine hätte besitzen können.

“Ich leide nicht an Schwachsinn”, brummte Nesfalador.

“Das steht jetzt aber auf dem Papier, Herr Agodan, und Dinge, die auf dem Papier stehen, sind in Tharamant bedeutungsvoller als Dinge, die nicht auf dem Papier stehen.”

Nesfalador verdrehte die Augen, blickte zum Fenster, fuhr mit den Händen durch seine grauen Haare und schüttelte den Kopf. Yhorarie fuhr fort, und zum ersten Mal in ihrem Gespräch wurde seine Stimme leiser und langsamer, als ob er ihm ein wichtiges Geheimnis erzählen wollte.

“Hören Sie zu: Hier in Tharamant ist jeder Arzt mit größtem Eifer darum bemüht, die Zahl der vermeintlich Geisteskranken auf Null zu halten, denn sie stören das Stadtbild. Niemand aus dem Stadtrat sieht gerne Propheten, Minderintelligente oder Retardanten auf den Straßen. Darum beantragen die Stadtväter ein ärztliches Gutachten, ausgezeichnet mit einem großzügigen Honorar, das in der Regel mit der Empfehlung zu einem ‘Wesensbefriedenden chirurgischen Eingriff in der Schädelregion’ schließen soll. Im Anschluss an diesen… ‘Eingriff’ vegetiert das Individuum nur noch. Es verbleibt unfähig zu sprechen, klar zu denken oder sich auch nur alleine einen Löffel Suppe zum Mund zu führen. Diese sogenannten ‘Stillen Mitbürger’ pferchen die Ärzte in Heimen wie etwa Cliffend oder Nortwahn zusammen, abgeschottet von der Außenwelt.”

Sein Herz klopfte. Nesfalador sah unruhig zum Fenster hoch. Nein – so hatte er es nicht geplant. Dann drehte er sich zur Tür um und sagte: “Hier ist ja echt die Kacke am Dampfen.”

“Sie sagen es, Herr Agodan. Ich würde andere Worte wählen, aber sie treffen den emotionalen Kern der Situation.”

Einen kurzen Moment lang starrte Nesfalador in die Augen hinter dem Sichtschlitz. Beide schwiegen. Nur der Klang der Stadt floss für einen Augenblick in die Zelle hinein wie ein Bach, der über einen Felsen rinnt.

“Nun, da wir jetzt auf einer Welle schwimmen, freue ich mich, mit Ihnen zusammen zu arbeiten. Ich würde Ihnen ja gerne die Hand schütteln.”

“Ha, schön wär’s”, grunzte Nesfalador. “Angenehm, mein Name ist Nesfalador Agodan.”

Yhoraries Augen bewegten sich auf und ab – er nickte.

“Ich weiß. Das steht auf ihrem Krankenblatt.” Er hielt ein Klemmbrett mit fein gedruckten Linien, Schreibmaschinenschrift und Bleistiftnotizen in den Sichtschlitz – zumindest glaubte Nesfalador, fein gedruckte Linien, Schreibmaschinenschrift und Bleistiftnotizen zu erkennen.

“Ich werde eine Zweitdiagnose durchführen und auf dieser Basis versuchen, zumindest Ihre Verbannung aus Tharamant erwirken zu können, wenn nicht schon Ihre Freilassung zur Diskussion steht. Dazu muss ich jedoch umfassende Gespräche mit Ihnen führen. Sind Sie dazu bereit?”

Nesfalador nickte.

“Wenn es mir den Bolzen im Kopf erspart, nur zu.”

Er sah zum Gitterfenster hoch, während Yhorarie durch seine Notizen blätterte.

“Warten Sie einen Moment”, sprach dieser. “Ich muss den Bogen mit den ‘Musterfragen für Personen mit Verdacht auf geistige Krankheiten’ in meiner Manteltasche haben.”

Nesfalador drehte sich zur Tür und runzelte die Stirn.

“Sie tragen einen Mantel?”, murmelte er. “In Tharamant? Im Sommer?”

Das Augenpaar bewegte sich abermals auf und ab.

“Weicheier”, murmelte Nesfalador. Yhorarie ignorierte das.

“Herr Agodan. Ich möchte mit Ihnen ein paar Fragen bearbeiten, an Hand derer ich ein geistesgesundheitliches Profil erstellen kann. Wenn Sie nun…”

“Es hat geschneit, oder?”, fragte Nesfalador.

Feyhen sah weiter auf sein Notizblatt.

“Unterbrechen Sie mich bitte nicht. Es stört meine Konzentration.”

Nesfalador sah zur Tür hinüber und wartete, bis Yhorarie das merkte und von seinen Notizen absah und in die Zelle zurück blickte.

“Schnee. In Tharamant. Im Sommer. Richtig?”, fragte Nesfalador noch einmal. Yhorarie hustete in seine Hand.

“Ja. Wussten Sie das nicht? Es stand in allen Zeitungen.”

“Sieht das so aus, als ob ich hier drin Zeitung lesen könnte?”, fragte Nesfalador und ging auf die Tür zu, bis er direkt vor dem Sichtschlitz stand. Er sah Yhorarie in die Augen, die unverändert kühl und klar in die Zelle blickten.

“Ich dachte, ein Wächter hätte es Ihnen gesagt, Herr Agodan. Ich selber denke schon seit heute morgen nicht mehr daran. Nichts weiter als ein seltsames Wetterphänomen. Sollen sich die Wolkenforscher-“

“Hören Sie, Yhorarie”, knurrte Nesfalador. “Ich weiß es zu schätzen, was sie für mich tun wollen, aber vergessen sie es. Sie müssen die Stadt verlassen, so schnell wie möglich.”

“Wetteranomalien kommen vor”, sagte Yhorarie, während sein Stift weiter über den Notizzettel kratzte. Nesfalador ahnte Hohn in seiner Stimme, sah in diesem Arzt aber nicht den Mann, der über seine Patienten spottete und ihnen keinen Glauben schenkte. Vielleicht, so hoffte er, würde es dieses Mal anders laufen.

“Yhorarie. Ich bitte Sie”, schnaufte er. “Ich bin gewandert – über zehn Jahre lang. Ich habe Bibliotheken und Archive besucht, weise Männer und gelehrte Frauen gesprochen. Ich habe alte Sprachen kennen gelernt, die man seit Jahrtausenden nicht mehr spricht, Schriftzeichen studiert und Legenden gelesen. Ich bitte Sie: Verlassen Sie umgehend die Stadt. Denken Sie an Ihre Frau und Ihre Kinder. Wenn sie welche haben.”

Er drehte sich weg von der Tür, blickte in seine Zelle hinein, sah abermals zum Gitterfenster hinauf. Er musste hinaus, in die Stadt, um das zu verhindern, was schon einmal an anderem Orte geschah.

Nesfalador blickte über seine Schulter zum Sichtschlitz hinüber, weil er hörte, dass Yhorarie nicht mehr schrieb. Die Augen des Arztes starrten scharf in die Zelle, prüften ihn, durchleuchteten ihn.

“Herr Agodan”, begann er nach einem kurzen Atemzug. “Sind Sie Schauspieler?”

Nesfalador seufzte, dann ballte er die Fäuste.

“Haben Sie nicht gehört, was ich Ihnen gerade gesagt habe?”, zischte er.

“Beantworten Sie bitte meine Frage, Herr Agodan.”

Nesfalador schloss die Augen und trat dann noch einmal gegen sein Bett. Sein Fuß brannte, vor Kälte und Schmerz. Er fragte sich, warum er sich überhaupt noch die Mühe machte. Es hörte ihm doch sowieso niemand zu.

Er atmete tief durch und setzte sich auf die schimmelnde Matratze. Dann sah er zur Tür hinüber und versuchte, seine Stimme so ruhig zu halten, wie es seine Wut erlaubte.

“Uhrmacher. Aus der Nähe von Kinta.”

Yhoraries Augen verschwanden aus dem Sichtschlitz in der Tür. Er malte offenbar neue Notizen auf das Krankenblatt. Dann tauchten sie wieder auf und stellten weitere Fragen. Nesfalador war mittlerweile davon überzeugt, dass der Arzt gar keinen eigenen Körper besaß, sondern lediglich aus einem Paar schwebender Augäpfel bestand.

“Ja. Nein. Ja. Gelegentlich”, antwortete Nesfalador und sah an sich hinunter. Sein nasses Hemd klebte immer noch an seiner alten Haut. Der Schweiß roch nach Meersalz.

05: Auftrag

Auf den Straßen litt der Schnee unter der Sommersonne. Sie schmolz ihn langsam zu grauen Pfützen, und schon gegen Mittag schlugen die Wellen unzähliger Miniaturmeere gegen die hellen Bordsteine der Stadt.

Aus dem Fenster ihres Büros konnte Ancardia auf die Reste des Schneefalls hinabsehen. Die Menschen auf den Straßen hatten zwar noch am Morgen dicke Mäntel und Stiefel getragen – denn wann kommt man in Tharamant sonst dazu, die teure Winterkleidung zu zeigen – doch mittlerweile zeigten sie wieder Arme, Beine, Füße, Schultern, Hälse und die obere Hälfte ihrer Brüste. Viele von ihnen trugen ihre Winterkleidung in der Hand, oder hatten sie über den Unterarm geworfen – graue Mäntel, Mützen und Schals reisten auf den Schultern und Händen derer, die kurze Ärmel oder offene Blusen trugen.

“Da schneit es einmal, und jeder denkt, der schrecklichste Winter tritt ein” murmelte Ancardia. Dann schlürfte sie vorsichtig aus ihrer Tasse. Es war die vierte oder fünfte Tasse Tee, die sie trank – und sie wusste, dass sie erst nach drei weiteren in die Tasten ihrer Schreibmaschine hauen konnte.

“Verrückt, oder?”, fragte Kirelli. Er saß an seinem Schreibtisch, mit geradem Rücken, die Arme im rechten Winkel zur Tischplatte. In seinem alten Gesicht lag eine Ruhe, die den jüngeren Redakteuren oft fehlte, weil sie hektisch wie Bienen in ihrem Stock für die nächste Empfehlung, eine Beförderung oder aber den Leitartikel tanzen mussten. Kirelli hatte in seinen jungen Jahren nie tanzen müssen, und dafür beneidete Ancardia ihn.

“Schnee in Tharamant; das letzte Mal war ich fünf Jahre alt, als ich das erlebt habe”, sprach sie. “Und das war nicht im Sommer, wie du dir denken kannst.”

“Schnee im Sommer gab’s hier noch nie. Aber wir hatten mal welchen im Frühjahr, vierter Monat, wenn ich mich recht erinnere. Frühjahr ’37, glaube ich.”

“Wann?”

“Im Jahr 1337, vielleicht auch 1338. So genau weiß ich es nicht mehr. Ich war jung.”

Sie trank den Bodensatz aus ihrer Tasse, stellte sie auf den Schreibtisch und legte ihre Finger auf die schweren Tasten der Schreibmaschine, die über Notizzetteln, Briefen, Briefbeschwerern, Stiften und Photographien thronte.

“Spielt auch keine Rolle”, sagte Ancardia. “Sollen sich die kleinen Blätter darüber das Maul zerreißen. Wir schreiben über Wichtigeres.”

Sie tippte. Bis zum Redaktionsschluss standen an: Ein Bericht über den Umbau des Kleinen Schauspielhauses (es sollte jetzt ein großes sein!) sowie ein Kommentar zur Aufrüstung des Senever Heeres, das seine Ritter nun zum ersten Mal mit einschüssigen Gewehren ausstattete. “Schießen statt Schlagen”, plärrte es aus dem Palast in Senev; Gadagor, das Nachbarreich, war davon nicht begeistert. Ancardia hatte die Spannungen auf ihrer Reise mit Dahales miterleben können: Auf den Straßen verteilten Kinder Pamphlete gegen Schusswaffen, Plakate warnten vor dem Donner von der Halbinsel. Von einer Bühne auf dem Marktplatz versprach ein Politiker, die neuen Waffen auch bald den Fußsoldaten Gadagors in die Hand zu drücken – die Zahl der Mündungen sollte dann die der Senevianer übertreffen. Das Säbelrasseln und die vielen verschiedenen Meinungen erinnerte Ancardia an all die Zeichen, die man hinterher in Geschichtsbüchern finden konnte: Kriege entstanden so.

Ihr rannte ein Schauer über den Rücken. Vor allem der Dreibund, bestehend aus den Städten Tharamant, Diamant und Antodun, wäre im Krieg der beiden Reiche in einer gefährlichen Lage gewesen. Die drei Städte und ihre zugehörigen Landstriche pflegten unterschiedliche Bündnisse und Handelsverträge mit dem Land Efortem und Gadagor – und der Handel würde unter einem Krieg nur leiden. Was dies bedeutete, wusste jeder, der in Tharamant bis drei zählen konnte: Wenn es dem Handel schlecht ging, ging es Tharamant schlecht. Vielleicht war es an der Zeit, etwas Geld für die kommenden Jahre zurückzulegen.

Doch das war nicht alles, wovor sie sich fürchtete: Denn wo Krieg war, da litt der einfache Bürger – unter Hunger, Mord, Sadismus, Sklaverei und Folter. Seit einundsiebzig Jahren hatte es keinen Krieg mehr gegeben. Die Städte, Kleinstaaten und Reiche Alâons sprachen fast schon in Freundschaft zueinander. Einzige Ausnahme: Efortem und Gadagor. Die beiden mussten ständig beweisen, wer nun die meisten Soldaten, die schärfsten Schwerter und die härtesten Brustpanzer ins Feld führte; und wer weiter als der andere pinkeln konnte. Vielleicht, dachte Ancardia, lag dies an den Friedensjahren, die in den übersättigten und weltfernen Eliten den Wunsch nach echten Konflikten weckten.

Viele Jahre Frieden standen auf dem Spiel; so viele Menschenleben. Alles wegen zwei eingebildeten Streithähnen. Sie hätte den Konflikt ja verstanden, wenn Gadagor und Senev wegen Bodenschätzen, Ländern oder wenigstens einer fiesen Beleidigung die Messer wetzten. Aber nur, weil einer Angst vorm anderen hatte – das fand sie albern.

Bilder rauschten durch ihren Kopf; sie war müde.

“Ich hol’ mir noch einen Tee, Kirelli”, sagte sie und stand von ihrer Schreibmaschine auf. “Soll ich dir einen mitbringen?”

Er winkte sie weg und tippte weiter. Sie verließ den Raum, schlenderte die Treppe runter und trat in den ersten Stock des Gebäudes ein. Hier gab es eine kleine Küche, in der die Angestellten der Zeitung über einem Gasherd Wasser für Tee, Kaffee oder blöde Streiche aufwärmen konnten. Die Fenster waren weit offen – Licht und Luft strömten in die Küche.

Ancardia setzte Wasser auf. Sie sah aus dem Fenster und beobachtete die Menschen, die draußen auf der nassen Straße entlang wuselten. Dabei dachte sie an Dahales, der entweder gerade schlief, las oder kochte. Ihn hatte Gadagor mit seinen Gewürzen, Käse und Wein beeindruckt – kein weit entfernter Krieg konnte ihm die neuen Gerichte verderben, die er kennen lernte. Sie gönnte es ihm; Politik und Zeitgeschehen waren ihre Welt, nicht seine. Außerdem: Sie waren nach Gagador gekommen, um neue Kräfte zu sammeln, und nur weil über Ancardia ständig eine dunkle Wolke hing, musste Dahales nicht auch so fühlen.

Das Wasser im Kessel dampfte. Sie stand am Fenster und atmete einmal tief ein. Auf der Straße vor dem Zeitungsgebäude hetzten und schlenderten die Menschen von links nach rechts und von rechts nach links. Zwei offene Kutschen fuhren vorbei – sie konnte hören, wie die Pferdehufe auf das Pflaster schlugen. Eine Straßenbahn fuhr kurz darauf in der Mitte der Straße, hielt an, verlor Fahrgäste und saugte neue ein, bevor sie weiter den Schienen folgte. Zwei Stadtwachen zogen in ihren weißen Gewändern an den Zivilisten vorbei. Ihre Hellebarden benutzten sie wie Gehstöcke. Ancardia schüttelte den Kopf – während die Stadtwachen in Tharamant bei ihren traditionellen Waffen blieben, die sie seit Jahrhunderten trugen, drohte in der Ferne ein Krieg.

Der Kessel pfiff. Sie warf rote, trockene Teeblätter in ein Sieb, goss das kochende Wasser ein und verließ die Küche mit ihrem Getränk.

“Woran schreibst du eigentlich gerade?”, fragte sie Kirelli, als sie wieder an ihrem Schreibtisch saß. Sie schlürfte einen kleinen Schluck Tee.

“Rate mal.”

“Dein Lieblingsthema?”

“Klar. Über unsere gute Freundin Yacinda von den Wellen”, sagte er, sah von der Schreibmaschine auf und verdrehte die Augen. Seine Hände ruhten noch immer auf den Tasten.

“Ach. Was hat sie getan?”

Kirelli zögerte etwas und kratzte sich am Hinterkopf.

“Nichts. Gut gesungen, das ist alles.”

“Im Ernst?”, fragte Ancardia und hob eine Augenbraue. “Keine wilden Feste, keine Männergeschichten, keine abgesagte Vorstellung?”

“Tatsächlich, sie hat ‘nur’ gut gesungen”, antwortete er und tippte weiter. Sie nahm einen weiteren Schluck aus ihrer Tasse, stellte sie auf ihren Schreibtisch und legte ihre Finger auf die Tasten. Für einen Augenblick ratterten beide Schreibmaschinen, als ob sie um die Wette schrieben; Ancardia liebte den Klang. Kein anderes Geräusch konnte sie so beflügeln.

“Weißt du”, sprach Kirelli nach einer Weile. “Ich bin es, wenn ich ehrlich bin, ziemlich Leid. Von den Wellen kriegt so viel ungerechte Presse.”

“Wie meinen?”, fragte Ancardia, ohne von ihrem Text aufzusehen. Die Tasten klapperten, und das Papier rauschte an ihr vorbei.

“Sie ist eine hervorragende Sängerin. Doch alle Zeitungen interessieren sich nur für ihr Privatleben.”

“Klar. Wenn die Diva eine Vorstellung aus purer Faulheit absagt, ist das nicht ihr Privatleben. Das ist Verrat am Publikum”, warf Ancardia ein.

“Da gebe ich dir Recht. Aber mit wem sie das Bett teilt, auf welchen Festen sie ihre Kleider von sich wirft… das ist ihr Privatleben. Das geht niemanden etwas an, und wenn wir über Opern schreiben, sollten wir das alles vergessen.”

Sie nahm ihre Finger von der Schreibmaschine und runzelte die Stirn. In jungen Jahren hätte sie es nie gewagt, einem Kollegen zu widersprechen, der so viel mehr Erfahrung hatte als sie. Doch sie arbeitete schon lang genug mit Kirelli zusammen.

“Moment. Ist von den Wellen nicht gerade deshalb bekannt geworden?”, fragte sie. “Die Männer, die Nacktheit, ihre Unterwäsche-Versteigerung… Ist sie nicht deshalb in den Zeitungen?”

“Entweder ist es Dummheit oder Kalkül”, antwortete er und hob kurz die Schultern. “Trotzdem singt sie ausgezeichnet, und das sollten wir nicht vergessen. Kurz: Ich wünsche mir, dass wir als Presse ihre ganzen geplanten Skandälchen einmal außen vor lassen und nur über ihren Gesang schreiben.”

Ancardia lachte. “In den Zeitungen von Tharamant? Viel Spaß!”

Er nickte und lächelte. “Ich weiß. Es ist ein Kampf, den ich nicht gewinnen kann. Aber ein alter Mann wird träumen dürfen.”

“Du träumst jeden Tag von ihr”, grinste Ancardia. In Kirellis Wangen stieg eine zarte Röte auf.

“Ja”, murmelte er und starrte auf das Blatt, das in seiner Schreibmaschine steckte. “Ich bewundere sie. Ich wünschte, es hätte in meiner Jugend eine Sängerin gegeben, die so singen kann; mit dieser rauhen Stimme, die nur ein wenig sanft in den Ohren kratzt, und ihrer Sicherheit…” Er sah sie an. “Wir haben alle unsere Idole.”

Ancardia lächelte und legte ihre Hände auf die Tasten. Ihre Finger flogen und die Zeilen flossen von der Schreibmaschine auf das Papier. Ihr Tee war schon kalt, als sie den nächsten Schluck nahm. Kirelli machte das Fenster auf und zündete sich eine Zigarette an. Dann klopfte es einmal flink an der Tür und Olisia sprang hinein. Sie leitete die Zeitung, zusammen mit drei anderen Alt-Redakteuren.

“He, Ancardia, schön, dass du wieder da bist”, brabbelte sie. “Wie war’s in Gadagor? Gut? Schön. Ich frag’ dich später noch mal. Ich bin in Eile. Du musst für Lhano übernehmen, der ist krank und hatte eigentlich für heute Nachmittag ein Gespräch an der Universität angesetzt. Geh’ runter ins Archiv und such dir Ausgabe 174 vom letzten Jahr, dort findest du einige Informationen und kannst dann weiter zur Universität.”

“Was, wie?”, fragte Ancardia. Ihre Hände lagen noch immer auf den Tasten. “Wie viel Zeit habe ich, wo muss ich hin?”

“Universität. Ist ein bisschen her, dass du da warst, darum buchstabiere ich es: U-N-I-V-E-R- und so weiter. Tut mir leid, aber wir sind heute wegen diesem ganzen Schnee-Blödsinn irgendwie aus dem Zeitplan heute. Sonderausgabe und so. Die Ausgabe heute morgen mussten wir eine Stunde später ausliefern. Lhano kotzte den ganzen Morgen nur, den habe ich nach Hause geschickt, und uns erreicht seit etwa einer halben Stunde nichts mehr aus Diamant und Antodun, weil die Telegraphen tot sind, somit auch nichts mehr aus Gadagor und Senev. Es kommt heute irgendwie alles zusammen, aber wir brauchen dringend Lhanos Artikel, das Thema wird wieder heiß. Kirelli, du schreibst jetzt über das Schauspielhaus.”

“Ich will aber nicht über das Schauspielhaus schreiben”, stöhnte Kirelli.

“Doch, du willst.” Olisia drückte Ancardia ein kleines Kärtchen in die Hand.

“Presseausweis. Du. Gehen. In zwei Stunden. An der Alten Universität; frag nach Vedian Bordakane, das ist dieser Kerl, der behauptet, es hätte in der Vergangenheit Alâons Zivilisationen gegeben, die unserer weit voraus waren. Spinner. Du findest alles wichtige in Ausgabe 174 vom Jahr 1382, zusätzlich ein wenig in Ausgabe 281 aus 1383. Wenn du heute nichts interessantes erfahren solltest, dann blas’ die Sache etwas auf. Wir kriegen so schnell keinen zweiten Termin, da der gute Meister Bordakane ja ach so beschäftigt ist.“

Ancardia nickte und sah zu Kirelli rüber.

“Danke”, plapperte Olisia. “Das kann ein ganz großer Artikel werden – der Mann ist umstritten, sei also ruhig etwas provokant, bleib aber sachlich. Oder ärger’ ihn, was weiß ich. Ist dein Artikel.”

Olisia rannte aus dem Büro und warf die Tür wieder ins Schloss. Ancardia sah zu Kirelli, dessen Hände nicht einen Zentimeter von den Tasten gewichen waren. Die Zigarette in seinem Mundwinkel qualmte zum Ende. Ancardia stand auf und nahm ihre dünne Sommerjacke vom Kleiderhaken. Dann hob sie ihren Rucksack vom Boden auf, in dem ein Notizblock und Stifte sowie eine Flasche Wasser warteten.

“Atmet die Frau überhaupt noch?”, fragte Kirelli.

Ancardia ging zu ihrer Schreibmaschine, setzte den letzten Punkt in ihren Artikel und nahm das Blatt Papier aus der Fassung.

“Nein”, sagte sie und schüttelte den Kopf. “Olisia hat keine Zeit für Sauerstoff. Bis später.”

06: Vorlesung

Im kleinen Hörsaal für Geschichte an der Alten Universität von Tharamant stand Vedian vor seinem Schreibtisch. Das Interesse an Geschichte und Archäologie war in den letzten Jahren angestiegen, weil man im Boden unter den Wäldern von Gadagor eine neue Reihe von Monumenten gefunden hatte.

“Es freut mich, in diesen letzten Tagen vor den Semesterferien noch so viele von Ihnen zu sehen. Zu Beginn des Semesters dachte ich noch, ich sehe nur noch drei von Ihnen wieder; doch anscheinend ist es ein echtes Anliegen in dieser Zeit, unsere Herkunft zu ergründen. Vielen Dank, dass Sie noch immer dabei sind.”

Seine Stimme hallte, wie sie nur in einem Hörsaal hallen konnte. Zwanzig junge Gesichter starrten ihn oder die Wand an – fünfundzwanzig hatten den Kurs begonnen. Das war eine gute Zahl, denn in Tharamant zog es junge Menschen eher in den Handel, die Schiffahrt, die Eisenbahn oder ins Reisegeschäft. Die versprachen zwar keine Abenteuer, dafür jedoch leicht verdienten Reichtum.

“Sie haben in diesem Kurs eine Reihe von Hypothesen kennen gelernt, die unter anderem Athelac, Kari Seranin und ich entwickelt haben. Damit stehen Sie an der Speerspitze einer neuen Geschichtsforschung, wenn Sie diesem Pfad folgen wollen.”

Umso glücklicher war Vedian um jeden einzelnen Studenten, der in seinem Kurs saß. Trotzdem stockte sein Herz und er musste schwer schlucken, bevor er fortfahren konnte.

“Denken Sie außerdem über folgendes nach: Ich suche eine neue studentische Assistenzkraft. Bewerben Sie sich bitte direkt bei mir, ich leite Ihre Bewerbung dann an die Personalverwaltung weiter. Das Gehalt ist mickrig, die Arbeit hart und die Anerkennung in der wissenschaftlichen Familie niedrig, aber dafür können Sie an alten Artefakten herumspielen und Erfahrung für ihre spätere Arbeit sammeln.”

Er schluckte noch einmal, denn Vherendie wollte ihm nicht aus dem Kopf gehen. Ein paar Studenten hatten ihre Notizblöcke aufgeschlagen, auf einigen Pulten lagen dicke Bücher. Ein junger Mann in der hinteren Reihe hatte die Arme verschränkt, eine andere Studentin kaute am stumpfen Ende ihres Bleistifts. Vedian musste zugeben, dass er noch lange nicht alle Namen kannte, obwohl er doch schon mehrere Wochen mit ihnen arbeitete.

“Nun denn”, sprach er. Sonne schien durch die große Fensterwand an der Seite des Raumes. “Dann wollen wir noch einmal in der Geschichte Alâons herumgraben. Ich kann mir nur vorstellen, was wir alles fänden, wenn wir die Zeichen besser beachten würden. Und zu den wichtigsten Zeichen, die wir finden können, zu den wertvollsten überhaupt, gehören Relikte mit Schrift- und Sprachzeichen.”

Die Überleitung hatte nicht gut funktioniert. Er ging zur Tafel und zeichnete ein paar alte Runen. Die Kreide an seinen Händen wischte er an seinem Jackett ab, dann drehte er sich um und blickte wieder in die Runde. Es kam ihm seltsam vor; noch vor sieben Jahren hatte er selber in diesem Hörsaal gesessen.

“Wissen Sie, was für Möglichkeiten wir hätten, wenn wir die Sprache verstehen würden, die unsere Urahnen geschrieben und gesprochen haben? Unser Wissen über die alte Welt würde exponentiell ansteigen. Wir wüssten schlagartig Bescheid über ihr Leben, ihre Gesellschaft, ihre Technologie, und auch ihren Untergang, wenn wir nur ihre Texte lesen könnten.”

Er ging ein paar Schritte in den Raum hinein, auf seine Studenten zu. Dabei sah er so nachdenklich auf den Boden, wie er nur konnte. Vedian legte Wert darauf, seine Vorlesungen nicht vom Blatt zu faseln: Darum verbrachte er fast mehr Zeit damit, sie zu proben, als das Manuskript zu schreiben.

“Sprache und Schrift sind extrem wichtig für eine Kultur, weil sie mit ihnen Geschichten erzählt. Ob diese nun wahr sind oder Fiktion – wir können durch sie die Werte, Ideale und Maßstäbe einer Zivilisation verstehen. Sie, meine Studenten, haben in den letzten Wochen das altalaonische Alphabet erlernt – ich will es mal der Kürze halber A3 nennen – und kennen jetzt seine 26 Zeichen sowie ihre jeweilige Entsprechung in der Allgemeinen Zentralsprache.”

Die Studenten nickten, oder auch nicht. Vedian sah in den Hörsaal hinein – nur wenige Studenten schrieben mit, aber das war an diesem Punkt auch nicht wirklich nötig. Er drehte sich auf einem Fuß zur Seite und ging ein paar weitere Schritte.

“Es gibt nur wenige Dokumente aus früheren Zeiten. Bekannt sein müsste Ihnen jedoch der Vilias-Fetzen hier aus Tharamant und das Kartenfragment von Senev, gefunden nahe der Hauptstadt Efortems. Außerdem existieren einige Textfragmente, die man zum Beispiel in Gadagor in mühevoller Kleinstarbeit durch gegenseitigen Abgleich zu entschlüsseln versucht. Insgesamt kennen wir vielleicht knappe sechshundert Schriftfragmente, die wir auf eine Zeit vor dem Reich Ulýviran datieren können.”

Nur Vedian wusste, dass er mit dieser Zahl weit übertrieben hatte. Bekannt waren exakt dreihundertdreiundfünfzig Schriftstücke, die vielleicht älter als dreitausend Jahre waren; und einundsiebzig, die vielleicht älter als viertausend Jahre waren. Zahlen waren nicht seine Stärke. Er ging zu seinem Schreibtisch und nahm einen paar Papiere herunter.

“Heute möchte ich mit Ihnen deshalb einen genaueren Blick auf diese Textfragmente werfen, um Ihnen zu zeigen, wie die Altertumsforschung oder besser gesagt die Erforschung alter Sprachen überhaupt funktioniert. Sie erhalten dazu die Kopie einer Abschrift des senevianischen Kartenfragmentes und eine Kopie des sogenannten Dokumentes SEN326, das nach seiner Fundreihenfolge benannt wurde. Es stammt ebenfalls aus der Gegend Senev.” Vedian teilte die Kopien aus. “Setzen Sie sich zusammen und vergleichen Sie diese Relikte miteinander. Notieren Sie Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Sie dürfen auf den Kopien schreiben und diese für ihre private Betrachtung behalten.”

Seine Studenten tuschelten. Kurz darauf saßen sie in kleinen Gruppen an den Tischen. Im Saal war es fast still, während sie lasen und flüsterten; Papier raschelte, Stifte kritzelten. Sie diskutierten die fremden Zeichen einer früheren Zeit, schrieben etwas in ihre dicht beschriebenen Notizblöcke. Vedian mochte das. Es machte ihm Spaß, den Lernprozess zu beobachten, den er entzündet hatte.

Er nahm auf einem der Tische Platz, legte seine Beine über die Kante und stützte seinen Arm auf den Oberschenkel. Er war gespannt, ob seine Studenten eigene Ideen entwickelt hatten, auf die er noch nicht gekommen war.

“So, dann erzählen Sie einmal. Was haben Sie herausgefunden?”

Seine Studenten merkten auf. Beinahe sofort hielt Daralenna das angekaute Ende ihres Bleistifts in die Luft. Sie wollte immer die erste sein.

“Einige ähnliche Zeichenfolgen und einige Zeichen, die wir nicht kennen. So weit sind wir uns einig.”

Vedian lächelte. “Ja, die Zeichen können Sie auch nicht kennen. Die bezeichnen wir als A3-Zahlen, weil sie seltener als die Zeichen der A2- und A1-Reihe vorkommen und vermutlich numerische Informationen enthalten. Sie sind für Ihre heutige Sitzung nicht wichtig.“

“Und wieso nicht? In Zahlen stecken auch-“

“Informationen und Indizien. Natürlich. Aber ich finde Zahlen furchtbar langweilig und möchte Sie heute auf ein paar andere Zeichenfolgen aufmerksam machen. Also werfen Sie bitte alle unbekannten Zeichen über Bord und konzentrieren Sie sich auf die Zeichenfolgen, die Sie gefunden haben.”

An einem Tisch ganz hinten hob Garonon seine Hand.

“Wir haben hier die Folge R-o-h-a-n. Einmal auf der Karte und zweimal im Text.”

“Außerdem ähnelt sich der Sprachklang aller Wörter im Text”, ergänzte Daralenna. “Zumindest, wenn wir sie richtig aussprechen.”

“Was wir nicht können. Sehr gut, beide. Es stimmt, über die Aussprache können wir nur spekulieren. Weiter.” Vedian ging zu seinem Pult hinüber, entnahm einen weiteren Satz Kopien und verteilte ihn auf den Tischen.

“Was fällt Ihnen auf?”, fragte er und malte einen Gedankenstrich an die Tafel. Stille herrschte, bis Ardios in der hinteren Reihe seinen Finger in die Höhe hielt.

“Völlig anderes Schriftbild, außerdem Markierungen über vereinzelten Zeichen, würde ich sagen.”

“Dann sagen Sie’s ruhig”, entgegnete Vedian, “denn Sie haben Recht. Die Markierungen wurden wohl ähnlich wie unsere Akzente gebraucht, um differenzierte Aussprache zu signalisieren. Dieses Fragment stammt aus Gadagor, und wenn Sie es mit Dokument SEN326 und dem senevianischen Kartenfragment vergleichen, finden Sie so gut wie gar keine Wörter, die sich ähnlich sind.” Die Studenten schwiegen. Vedian teilte seine letzten Kopien aus. “Und dieses hier stammt aus unserem schönen Heimatland. Man hat es zwischen Diamant und Tharamant gefunden.”

“Diese Wellen über dem Zeichen ‘N’!”, rief Daralenna sofort. “Sind das auch Akzente?”

“Womöglich. Wir vermuten das. Doch wieder haben wir völlig andere Wörter. Was mag das denn bedeuten?”

“Vielleicht gab es verschiedene Sprachen, die je nach Region unterschiedlich waren?”, schlug Ardios vor. Vedian nickte ihm erfreut zu und stand auf. Er legte seine Hände ineinander.

“Genau das vermuten wir auch, doch dazu müssen wir sprachhistorisch überlegen”, begann er. “Wenn wir das nämlich getan haben, wissen wir, dass unsere Zentralsprache sowie ihre gesamte Schrift erst vor etwa zweitausend Jahren entstand, in den ersten zweihundert Jahren der Gründung Tharamants. Zu dieser Zeit entstand auch unsere genaue Geschichtsschreibung – etwa 700 Jahre vor Einigung des Dreibundes. Aber zurück zu den Sprachen: Womöglich gab es also vorher, auch vor dem Reich Ulýviran auf der Insel Arubea, mehrere Dialekte einer gemeinsamen Sprache, die aus dem Vorhandensein vieler verschiedener, regionaler Sprachen resultierten. Sie waren also quasi die Überreste eines gewaltigen Flickenteppichs von Sprachen, der Alâon früher bedeckte.”

“Und mit… ‘früher’ meinen Sie ‘vor tausenden von Jahren’, nicht wahr?”, fragte Daralenna.

Vedian blickte kurz nach oben und kalkulierte einige Zahlen in seinem Kopf. Es sah aus, als zählte er Jahre, Jahrzehnte und Jahrhunderte an seinen Fingern ab. Dann lächelte er. “So wie immer. Menschen haben vor etwa 2130 Jahren Fuß auf Alâon gefasst. Vorher wissen wir von mehreren hunderten Jahren im Reich Ulýviran auf Arubea. Und davor liegt nahezu alles im Dunkeln. Die Artefakte, die wir hier finden – nun, der breite Strom meiner Kollegen ist der Ansicht, dass die Ulýviraner vor tausenden von Jahren auch auf Alâon aktiv waren. Ich und eine Minderheit meiner Kollegen vermuten hingegen, dass die meisten Artefakte falsch datiert sind und älter sein müssen. Die Schriftdokumente sind ein Beleg dafür – Ulýviran besaß eine einheitliche Sprache, die Siedler von Tharamant besaßen eine einheitliche Sprache. Aber wir finden die Reste unterschiedlicher Sprachen.”

“Was bedeutet das?”

Vedian schwieg einen Moment und sah in die Gesichter der Studenten.

“Ich vermute”, begann er, “dass mindestens 4000 Jahre zwischen uns und den letzten Menschen von Alâon liegen, die nach Arubea übersetzten und damit ihre Sprachvielfalt verloren. Mit ihnen starben die vielen verschiedenen Sprachen, die die Zivilisation vorher ausmachte.”

Seine Studenten notierten Vedians letzte Äußerungen, während er in den Saal hinein blickte.

“Stellen Sie sich einfach mal vor, wie die Welt ausgesehen haben muss, die genau hier vor 4000 Jahren verschwand – ich meine, die Menschen dieser Zeit haben riesige Gittertürme aus Stahl gebaut, und riesige Monumente; wie etwa das Vierbeinetor im Westen von Gadagor. Aber wie haben sie gelebt, wie haben sie ausgesehen? Und wie haben sie gesprochen? Sehen Sie sich die Quellen an. Versuchen Sie sich an der Entschlüsselung, oder lesen Sie bereits vorhandene Übersetzungsversuche. Lassen Sie ihrer Phantasie freien Lauf. Morgen ist unsere letzte Sitzung in diesem Semester, und da möchte ich Ihre Ideen hören. Haben Sie einen schönen Tag.”

07: Chancen

Vherendie saß zwischen einer Dame im weißen Kleid und einem Anzugträger mit dichtem Schnurrbart. Ellbogen an Ellbogen. Die Bänke in der Straßenbahn waren klein, eng und hart. Doch jeder Ruck, jede Kurve ließ sie schaukeln, als ob sie auf dünnen Sprungfedern saß.

In ihren Händen hielt sie drei Papiere, und wer genau hinsah, der konnte eine dünne Schreibmaschinen-Überschrift lesen: Antrag auf Exmatrikulation. Vherendie konnte selber kaum glauben, was sie hier tat, und sie zweifelte, ob es der richtige Schritt war – in ihrem Magen brodelte es und ihr Herz wie eine dumpfe Pauke klopfte.

Sie atmete einmal tief durch und sah aus dem Fenster. Der Himmel leuchtete blau – wie an fast jedem Tag, der über Tharamant verging. Durch die blaue freie Weite flogen einzelne Möwen, und Vherendie sah ihnen hinterher, bis sie in der Ferne verschwanden.

Die Straßenbahn rüttelte. Sie fuhr eine Straße hinauf, die über mehrere hundert Meter an die Spitze eines Hangs kroch wie eine Raupe, die einen Ast emporklettert. Die Häuser am Straßenrand zogen so langsam an ihr vorbei, dass man fast glauben konnte, gleich wieder rückwärts hinunterzurollen. Doch Vherendie kannte die Strecke. In ein paar Minuten würde sie an der Universität aussteigen.

Es musste richtig sein, dachte sie. Es musste richtig sein, damit sie machen konnte, was sie wollte. Seit letzter Nacht tobten so viele Ideen in ihrem Schädel: Ein Teil von ihr wollte die Stadt verlassen und einen Platz auf einem Bauernhof finden. Sie hatte Tiere schon immer gemocht, und in der Stadt gab es keinen Platz für sie.

Doch etwas in ihrem Inneren sagte ihr, dass ihr das nicht das Glück bringen würde, das sie suchte. Ihr fehlte das letzte Wort, ein letzter Hinweis, der sie in die richtige Richtung stoßen würde. Ihr Kopf schmerzte, wenn sie darüber nachdachte – und sie wusste nicht, wo sie anfangen sollte.

Die Straßenbahn beschleunigte und fuhr in die Universitätsallee. Dichte Bäume lehnten an beiden Seiten der Straße und warfen ihren Schatten auf die jungen Menschen, die mit Rucksäcken oder Taschen über die Gehwege watschelten; Studenten, meistens in Gruppen, auf dem Weg von oder zur Universität. Vherendie sah sich selber in den jungen Gesichtern und erkannte, wie sie selber vor vielen Jahren an diesen Weg geglaubt hatte. Sie erinnerte sich daran, wie sie am ersten Tag mit klopfendem Herzen aus der Straßenbahn trat. Sie erinnerte sich daran, wie stolz ihre Eltern auf sie waren.

Heute trat sie aus der Straßenbahn und fragte sich, wie sie ihren Eltern beibringen sollte, dass sie nicht mehr zur Universität gehen würde. Sie hatten ihr Leben lang gearbeitet, damit sie diese Chance haben konnte – und nun stand sie nur einen kurzen Fußweg davon entfernt, das alles wegzuwerfen.

08: Wirrköpfe

Auf dem Platz zwischen den Lehrtempeln der Universität wartete Ancardia. Sie stand unter einem uralten Baum, den die ersten Siedler gepflanzt hatten, noch bevor die Stadt ihren Namen erhalten hatte. In den folgenden Jahrhunderten hatte der Baum Kriege, Seuchen und Habgier überstanden, und niemand vermochte zu sagen, wie alt und groß er noch werden wollte, denn er wuchs immer noch. Jedes Jahr drohte er, die massiven Steinplatten auf dem Platz mit seinen Wurzeln zu sprengen; und so wechselten billige Arbeiter aus den Randvierteln Tharamants alle zwei Jahre die Steinplatten um den Baum herum, so wie neue Haut irgendwann nachstößt, wenn die oberste Schicht zu alt wird.

Ancardia sah zur Alten Universität herüber, dann auf die Uhr, die am Turm der großen Messehalle gegenüber des Platzes hing. Zwanzig Minuten hatte sie noch Zeit, und sie wusste nicht, ob sie richtig vorbereitet war. Obwohl sie gerade zwei Artikel über ihn gelesen hatte, wusste sie nichts über den Herrn Bordakane. Einer der Artikel nannte sich “Geister der Vergangenheit” und verband Bordakanes Forschung mit den billigen Spuk-Novellen, die vor etwa zwanzig Jahren im Grabbeltisch eines jeden Ladens in Tharamant lagen. Und was früher die Geister waren, das war heute der Mythos einer vergangenen Welt, mit all ihren Heils- und Erlösungsbotschaften von Wohlstand und Technik; Tharamant war verrückt danach, denn wenn es etwas gab, von dem die Tharamantiner nie genug haben konnten, dann war es Wohlstand.

Damit war ein mögliches Thema vom Tisch. Sie nahm ein Notizbuch aus ihrem Rucksack und notierte Ideen und Gesprächsthemen für ihren Artikel. Doch schon bald glitt ihr Stift nur noch ohne Sinn und Ziel über das Papier. Sie wusste nichts über diesen Mann – vor ihrem inneren Auge sah sie schon, wie Olisia sie in der Luft zerriss und ins Sportressort versetzte, das Abstellgleis der Zeitung.

Sie stopfte Notizbuch und Stift wieder in ihren Rucksack und blickte erneut auf die Uhr am Turm. Zehn Minuten, doch anscheinend war Bordakane überpünktlich: Ein junger Mann näherte sich ihr und streckte ihr die Hand entgegen. Seine Hose war eher zu weit als zu eng, sein Hemd etwas zu lang und nicht wie bei so vielen Männern Tharamants in die Hose hineingestopft. Die obersten Knöpfe waren offen, ebenso die am Ärmel – es sah fast so aus, als ob er es an diesem Morgen nicht geschafft hätte, sich richtig anzuziehen. Am linken Handgelenk trug er eine schlichte, runde Armbanduhr, wie sie Ancardia selber schon lange haben wollte. Seine Haut war ähnlich gebräunt wie ihre, sein Barthaar wuchs in tiefschwarzen Stoppeln: Beides war ein sicheres Zeichen, dass Bordakane ein gebürtiger Tharamantiner war.

Ancardia reichte ihm die Hand und schüttelte sie kurz, aber kräftig.

“Vedian Bordakane, nehme ich an?”, fragte sie und dachte daran, ihr freundlichstes Lächeln zu zeigen. Immerhin wollte sie einen guten Artikel von ihm.

“In Wort und Tat”, antwortete er. “Und Sie müssen dann Vhon Lhano sein, oder?”

“Nein.” Sie schüttelte den Kopf, ohne ihr Lächeln zu verlieren. “Mein Name ist Ancardia Jafkalador. Ich schreibe im politischen Teil des TT.”

“Ah, da klingelt was”, erwiderte er. “Bestimmt habe ich schon etwas von Ihnen gelesen.”

“Das glaube ich nicht”, säuselte sie und schüttelte erneut den Kopf. “Denn dann würden Sie meinen Namen kennen.”

Bordakane kratzte sich am Kopf und sie konnte schwören, dass seine Ohren etwas roter wurden.

“Oh. Entschuldigung”, murmelte er. “Das ist, äh… Das ist mir jetzt etwas peinlich. Gut. Folgen Sie mir.”

Ancardia nickte und verdrehte hinter seinem Rücken die Augen. Dann folgte Sie ihm über den Platz durch den Vorbau in den Eingangsbereich der Alten Universität. Sie war noch nie hier gewesen, und während sie Vedian folgte, sah sie sich um. Die Eingangshalle war mit Sicherheit so hoch wie die Eingangshalle des Bahnhofs. An den weißen Wänden links und rechts standen jeweils drei hohe Säulen; auf Glanz poliert, so sehr, dass Ancardia fast glaubte, ihr eigenes Spiegelbild in ihnen sehen zu können. Zwischen den Säulen hingen dunkelrote Wandteppiche von der Decke. Man hatte hier nicht immer unterrichtet: Früher, in den mittleren Jahren Tharamants, wohnte hier eine reiche Händlerfamilie. Schließlich verlor die Familie all ihr Geld im Börsenkrieg mit den großen Händlerdynastien aus Diamant und Senev – ihr Anwesen verkauften sie an die Stadt, die aus dem Prachtbau vor etwa fünfhundert Jahren eine Universität zimmerte.

“Wollen Sie etwas trinken?”, fragte Bordakane, während er sie zum linken der drei Eingänge führte, die aus der Halle hinausführten. “Wir haben Wasser und Tee, und ich kann Ihnen jedoch auch etwas anderes bringen lassen. Wenn ich einmal beginne zu erzählen, dann schaffe ich es nur schwer, wieder aufzuhören. Es kann also lange dauern. Oh, und ich muss eben eine Notiz an der Rezeption abgeben, wo ich doch gerade hier bin. Haben Sie einen Moment Geduld, bitte.”

Ancardia schüttelte den Kopf und blickte weiter in der Eingangshalle umher, betrachtete die Wandteppiche, während Vedian einen Zettel an den Herren von der Rezeption gab. In schlichten Fadenstichen zeigten sie primitive Metallgeräte aus der Zeit der ersten Siedlungen Tharamants, imitierten Gemälde der Vuernicaischen Aufklärung oder sogar Texte der gescheiterten Revolution von Senev (die auf den Teppichen nicht zu lesen waren, aber eindeutig die Revolutionsbriefe darstellen sollten). Ancardia konnte ein Fadenbild von der ersten Druckerpresse sehen, und in die Mitte eines neueren Teppichs hatte man ein Relikt aus der Zeit des Reiches Ulýviran gewoben, die Jadestatue von Delesia. Man hatte sie vor einigen Jahrzehnten nordöstlich von Antodun gefunden. Neben den Wandteppichen hingen kleine Plaketten unter Glasscheiben. Ancardia fühlte sich wie in einem Museum.

“Mir ist egal, ob Herrn Ortumus das interessiert”, zischte Bordakane dem Mann hinter dem Tresen zu. “Und wenn er es von mir persönlich annehmen würde, dann würde ich es ihm ja persönlich bringen. Also. Legen Sie es ihm auf den Schreibtisch, oder Sie können ihre Koffer packen.”

Der Mann vergrub seine Hände in seinem Gesicht.

“Ich denke, Sie überschätzen Ihre Position hier, Herr Bordakane”, brummte er. “Aber gut. Ich werde es ihm zukommen lassen. Das war aber das letzte Mal.”

Bordakane nickte und drehte sich zurück zu Ancardia.

“Kommen Sie”, sagte er. “Oder warten Sie. Wäre es für Sie auch angenehmer, wenn wir das Gespräch draußen halten können? In diesem Haus werde ich irgendwann noch einmal verrückt.”

“Klar”, antwortete sie. “An der Sonne ist mir auch lieber. Worum ging es da eben?”

Er sah, dass sie Stift und Notizbuch bereits in der Hand hielt, und schien zu überlegen, was er ihre erzählen durfte.

“Um meinen Verleger”, antwortete er. “Nichts wichtiges. Kommen Sie mit, ich bringe Sie in den Universitätspark.”

“Ihr Verleger hat sein Büro in der Universität?”

“Natürlich, äh… Ja”, murmelte Bordakane, ohne sie anzublicken. Er führte sie durch den Gang nach draußen in einen Innenhof, auf den die Nachmittagssonne schien. Er ging ein paar Treppen hinunter und setzte sich auf eine Bank unter einem Baum, Ancardia nahm neben ihm Platz und schlug die Beine übereinander. Im Innenhof saßen kleine Gruppen von Studenten, die zusammen Bücher lasen, schrieben und redeten.

Auf Ancardias Oberschenkel ruhte das offene Notizbuch, schwarzgeschrieben mit Buchstaben, Wörtern und Sätzen.

“Nun”, erklärte sie und lächelte. Es strengte sie an. “Ich bin mir nicht ganz sicher. Man hat mich vor etwa zwei Stunden in diesen Artikel hineingeworfen. Zuerst muss ich also gestehen, dass ich kein Experte bin und nur aus zwei anderen Artikeln über Ihre Arbeit Bescheid weiß, die ich im Archiv gefunden habe. Ich interessiere mich noch nicht einmal für alternative Geschichtstheorien, ich wurde sehr klassisch ausgebildet. Könnten Sie daher mir und damit auch unseren Lesern, die vielleicht auch nur so viel wissen wie ich, etwas über ihre Theorie erzählen? Vielleicht eine kleine Zusammenfassung?”

Bordakane hob die Augenbrauen und starrte sie an. Ancardia wusste nicht, warum. Stirnrunzelnd sah sie auf ihr Notizbuch herab und war eine Sekunde lang geneigt, etwas aufzuschreiben, um wie eine fleißige Journalistin auszusehen.

“Oh, ich hatte gedacht, dass das schwerer wird“, gestand er. “Aber dann gebe ich Ihnen und Ihren Lesern eine kurze Zusammenfassung in ‘alternativer Geschichte’, wie sie es nennen.” Er räusperte sich kurz, dann faltete er seine Hände übereinander. “Nun, überall in Alâon werden Relikte ausgegraben, Überbleibsel, die meistens dem Reich Ulýviran zugeordnet werden. Demnach müssten diese Reste zwischen drei- und viertausend Jahre alt sein. Allerdings wirft diese Zuordnung Fragen auf: Denn die Einwohner Ulývirans wussten zum Beispiel niemals über die Herstellung bestimmter Materialien Bescheid, wie aus alten Schriften und Artefakten hervorgeht, und sie setzten bei Prunkbauten und Verzierungen bevorzugt auf Jade, Marmor und Gold. Trotzdem finden wir stellenweise ganze Tonnen von fremden Materialien im Erdboden, die wir nicht mit dem Wissen von Ulýviran erklären können.”

“Also wussten die Ulýviraner über mehr Bescheid, als wir wissen?”

Vedian schüttelte den Kopf und blickte über den Innenhof, um seine Augen aus dem Sonnenlicht zu nehmen.

“Nein, das stimmt meiner Ansicht nach nicht. Denn die Ulýviraner waren Geschichtsschreiber. Sie liebten es, alles aufzuschreiben, was sie erfanden oder benutzten oder was sie auch nur zum Frühstück gegessen hatten. Wenn sie es erfunden hätten, dann hätten sie es aufgeschrieben.”

“Ging das Wissen vielleicht verloren, als das Reich unterging?”

“Entschuldigen Sie aber, da spricht der Volksmund aus Ihnen”, antwortete Bordakane. “Denn Ulýviran ist nicht untergegangen. Es hatte zwei Kriege gewonnen, unter anderem gegen die Illiden aus Nordgrenz, und als die große Goldkrise am Ende der Herrschaft Yholaáms auftrat, entschied er, das Reich in kleinere Fürstentümer aufzuteilen, um es besser verwalten zu können. Es war ein Übergang von einer Herrschaftsform in die nächste, keine Zerstörung. Es war ein vollkommen ungefährlicher, regelrecht unspektakulärer Vorgang, der nur für den Verlust der Einigkeit sorgte, nicht aber für den des Wissens, wie wir aus Schriften erfahren haben. Man kann sogar sagen, dass unsere heutige Kultur und Technologie auf Ulýviran beruhen.”

“Was folgern Sie also daraus?”

Bordakane streckte sich.

“Schlicht und einfach: Dass diese Relikte teilweise älter sind, als wir bisher annahmen, und dass einige von ihnen von einer Zivilisation stammen, die heute zwar ausgelöscht ist, aber früher einmal der unseren weit voraus war.”

Das war dünn, sehr dünn sogar. Ancardia nickte trotzdem und schrieb ein paar Notizen.

“Das ist aber etwas weit gegriffen”, sagte sie.

“Es ist auch nicht der endgültige Beweis”, entgegnete er und fuhr unvermittelt fort. “Ein weiteres Indiz ist, dass wir Schriften finden, die wir Ulýviran nicht zuordnen können. Aus den Hinterlassenschaften des Reichs wissen wir, dass hunderte von kleinen Stämmen das Land bevölkerten, bevor Ulýviran gegründet wurde. Diese Stämme verfügten über keine einheitliche Schrift und Sprache, wir finden lediglich Ähnlichkeiten in ihren Verständigungsformen. Interessant ist auch, dass die alten Sprachen mit der Gründung des ulýviranischen Imperiums allmählich verschwinden.”

“Das bedeutet…?”

“Lange Zeit gingen die Kollegen aus der klassischen Altertumsforschung davon aus, dass es immer nur eine gemeinsame Sprache mit unterschiedlichen Dialekten gegeben hatte. Wir haben dafür einen Gegenbeweis, und einen Ausgangspunkt für die These, dass wir nicht die erste große Zivilisation auf diesem Kontinent sind.”

Das war dünn, doch sie schrieb es trotzdem nieder. Zum Einstieg in das Thema genügten Bordakanes Ausführungen. Leser würde sie damit jedoch nicht begeistern können. Sie brauchte mehr und sah ihn an.

“So weit, so gut. Ich glaube, das habe ich verstanden”, sprach sie. “Ihre These ist, soweit ich gelesen habe, unter Fachleuten umstritten. Vertreter der Gegenthese ordnen sämtliche Artefakte dem Reich Ulýviran zu und diskutieren, ob es sich vielleicht schon früher gründete.”

Bordakane nickte.

“Wenn das mein Beitrag zur Geschichtsforschung in Alâon wäre, dann wäre ich enttäuscht”, antwortete er. “Mein Kollege Dalidion aus Gadagor ist ein sehr harscher, beinahe engstirniger Verfechter dieser These. Wir schreiben uns regelmäßig Briefe und diskutieren diese Thesen aus. Mein Argument kann ich nur noch einmal wiederholen: Das Reich entstammte einer Tradition von Schriftstellern, Philosophen, Kriegspoeten und letztendlich eben Geschichtsschreibern. Wenn Ulýviran ein bis zwei Jahrtausende früher entstanden wäre, warum finden wir keine Aufzeichnungen davon? Wir haben so viele Texte aus dem Reich – warum erwähnt niemand, dass Ulývrian früher gegründet wurde?”

“Sie finden auch keine genauen Aufzeichnungen aus der Frühzeit Alâons, die Ihre These unterstützen”, konterte Ancardia.

“Das liegt vielleicht daran, dass wir nicht wissen, ob die Menschen der Frühzeit überhaupt einen Wert auf schriftliche Überlieferung legten, oder ob sie sich überhaupt für ihre Geschichte interessierten. Ulýviran war peinlich darauf bedacht, alles für die Nachwelt zu erhalten, und machte das zu einer Tradition. Die Stämme, oder vielleicht sogar Nationen, die vorher existierten – vielleicht hatten sie kein Interesse daran, ihre Welt für kommende Zivilisationen zu dokumentieren.”

Bordakane räusperte sich.

“Neben dem Alter der Fundstücke – wir schätzen viele auf ein Alter von sechs- bis siebentausend Jahren – fehlt uns noch immer ein Weg, die alte Sprache zu entschlüsseln. Wir brauchen eindeutige Relikte, die eine klare, unmissverständliche Sprache sprechen, und damit meine ich Relikte, die irgendeine Verbindung zu den Sprachen haben, die damals benutzt wurden.”

Ancardia notierte. Dann nickte sie ein erneutes Mal und schrieb weitere Stichwörter auf, während Vedian seine Arme verschränkte und über den Innenhof sah.

“Gut. Wie Sie wissen, folgen manche Anhänger Ihrer Theorie und Ihnen fanatisch, sehen sie fast schon als eine Art Erzählung einer besseren Welt”, sagte Ancardia. Bordakane stöhnte auf und blickte gen Himmel.

“Das ist der negative Aspekt meiner Arbeit”, brummte er. “Wahrscheinlich haben diese Subjekte nur bis zur Hälfte gelesen und dabei essentielle Punkte überlesen. Kernpunkt: Etwas hat diese frühere, ‘bessere’ Welt zerstört, und die Chancen stehen gut, dass es aus eigenem Verschulden der Menschen jener Zeit heraus passierte. Dekadenz, Stolz, Angst, Größenwahn – das überlesen einige Menschen gerne.”

“Haben Sie noch weitere Beweise?”, fragte Ancardia, als sie merkte, dass ihr auch dieser Ansatz nicht half.

“Ja. Oder Nein. Nicht ganz”, antwortete er und wog den Kopf hin- und her, während er sprach. “Ich arbeite über Briefverkehr mit Trinitas aus Gadagor zusammen. Er will mich widerlegen und setzt sein Vertrauen in eine neue Technik aus Yheboran.” Er dachte einen Moment nach. “Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen davon erzählen, damit Sie ihren Artikel auch mit ein paar Neuigkeiten füllen können.”

Ancardia stockte in ihren Notizen. Ihre Augen verkleinerten sich. Anscheinend hatte sie ihm bisher nur Altbekanntes entlocken können. Sie spürte den Wunsch, ihm das Notizbuch an seinen Kopf zu werfen, blieb aber ruhig. So schwer es auch war.

“Liebend gerne”, flötete sie. Bordakane schoss daraufhin los, als ob er einen vorbereiteten Vortrag rezitieren würde.

“In der Stadt Khayinar haben Ingenieure einen Apparat gebaut, mit der sich emotionale Umfelder aus vergangener Zeit messen lassen”, sprach er. “Dabei verbindet man einen gut ausgebildeten Imaginar mit der Maschine und lässt ihn einen Gegenstand ertasten. Der Imaginar spürt dabei winzigste Nuancen im Kräftefeld des untersuchten Gegenstandes auf und setzt es gleichzeitig in Bilder um, die der Apparat lesen und an die Leinwand werfen kann. Anhand dieser Bilder lässt sich dann nicht nur bestimmen, wie alt der Gegenstand ist, sondern auch, in welchen Umständen er entworfen, konstruiert und wieder vernichtet wurde. Ganze Bildergeschichten in Bezug auf den Gegenstand können wir dadurch sehen, schrieb mir Trinitas.”

“Einen kleinen Moment”, unterbrach Ancardia. „Ich bin nicht ganz mitgekommen. Die Bilder, werden die von den Imaginaren gezeichnet?”

“Nein. Sie projizieren sie auf eine Leinwand, wie ich sagte”, wiederholte Bordakane. “Viele Imaginare sind schlechte Zeichner, trotz ihrer enormen Vorstellungskraft – sie sind eher Denker als Handwerker. Meistens werden die an die Leinwand geworfenen Bilder also abfotografiert oder abgezeichnet, um sie für die Nachwelt zu erhalten.”

Sie sah ihn an und hob eine Augenbraue.

“Das klingt nach sehr viel Technik, und nach noch mehr gutem Willen”, sagte sie. “Ich kann mir nicht vorstellen, wie das funktionieren soll, und ob das wissenschaftlich haltbar ist.”

“Natürlich ist das etwas ungenau, noch geradezu unwissenschaftlich”, sagte er und kratzte sich am Kopf. Er schien etwas nervös zu sein. “Es gibt so viele Probleme bei dieser Technik. Je älter ein Gegenstand zum Beispiel ist, desto blasser wird sein Bild. Oft sieht man gar nichts, meint Trinitas. Aber das sind Kinderkrankheiten. Übrigens: Eigentlich soll diese Technik zur Unterhaltung eingesetzt werden – ganze Theatersäle möchte man mit Bildern aus den Imaginarköpfen füllen. Dann braucht man keine Schauspieler mehr, nur noch den Imaginar und eine Leinwand. Doch bis es soweit ist, wird die Technik besser; und davon profitieren auch wir.”

“Danke, ich bleibe lieber beim klassischen Theater, mit echten Menschen”, erwiderte Ancardia und schüttelte den Kopf. “Aber der wissenschaftliche Nutzen ist interessant, sollte die Methode funktionieren. Was ist denn auf den Bildern zu sehen?” Ihr Bleistift kritzelte hektisch über das Papier, während der Meister sprach.

“Das kommt ganz auf den Gegenstand und das emotionale Umfeld an”, erklärte er. “In friedlichen Zeiten gefallen die Bilder dem gemeinen Auge: Sie besitzen runde Formen und weiche Konturen. Es kommt auf den genauen Stil an, also auch, wenn Waffen auf einem Bild zu erkennen sind, kann es ein Bild aus einem friedlichen Umfeld sein, so lange es harmonisch gezeichnet wurde. Sind die Waffen jedoch krakelig, mit vielen Fehlern und durch und durch grob gezeichnet, mit vielen Ecken und Kanten – dann haben wir es mit Zeiten des Chaos, Wahnsinns oder Krieges zu tun. Naturkatastrophen hingegen nehmen organische, pflanzliche Konturen an, die aber mächtig und unbezwingbar erscheinen. Und dafür gibt es noch tausend weitere Beispiele. Trinitas hat gute drei Seiten in seinem letzten Brief geschrieben, die nur den Imaginarsbildern und ihrer Beschreibung gewidmet waren.”

“Dann hängt das aber auch bestimmt von der Interpretation des Betrachters ab. Woher wissen Sie eigentlich, welcher Stil was darstellen soll?”

“Laut dem, was ich aus Khayinar und Gadagor weiß, wurde das an aktuellen Beispielen getestet und der Bildercode auf diese Weise entschlüsselt. Trinitas hat Gegenstände aus ganz Alâon zusammengetrommelt, deren Geschichte man genau kennt, und diese an Hand der Bilder überprüft, verglichen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede gesucht… Die übliche wissenschaftliche Vorgehensweise eben, um die Methode auf ihren akademischen Nutzen vorzubereiten. Er arbeitet rund um die Uhr, so scheint es mir.”

“Dann können Sie unseren Lesern doch bestimmt sagen, wie es vor ungefähr viertausend Jahren hier ausgesehen hat.”

Bordakane schüttelte den Kopf.

“Nein, so einfach ist das nicht”, sagte er. “Der Grund: Sie zeigen meistens Belanglosigkeiten. Die Projektionen der Imaginare sind zwar auch oft an den emotionalen Kontext gebunden, zeigen also tatsächlich im Kriegsfall Waffen, doch die entsprechen unseren Vorstellungen von Waffen. Alltagsgegenstände, Bücher, eben das, was wir aus unserem Leben kennen. Die tatsächliche Verlässlichkeit, wie gesagt, überprüft Trinitas zur Zeit. Bei den ersten Testläufen hat sich schon Erstaunliches ergeben, über das er jedoch noch nichts Genaueres berichten möchte. Ich persönlich erhoffe mir eins davon: Meine These wird untermauert. Und meine Chancen stehen gut, wie Trinitas schreibt: Viele vermeintliche Relikte aus der Zeit vor Ulýviran wurden in einem Krieg oder einer Katastrophe beschädigt. Das deutet darauf hin, dass sich eine ursprüngliche Zivilisation weit vor unserer Zeit selber vernichtet hat.”

Sie legte den Stift nieder.

“Ist das alles, Herr Bordakane?”, fragte sie. “Der Artikel ist eben doch noch interessant geworden. Gibt es noch irgendeine Möglichkeit, wie ich ihn noch interessanter machen kann?”

Er blickte wieder über den Platz.

“Schreiben Sie ihn einfach”, antwortete er und fuhr fort. Von nun an lief das Gespräch wie von selbst. Ancardia witterte eine große Geschichte für die Zeitung und schrieb eifrig alles auf. Sie fragte oft nach, um sicher zu sein, alles richtig verstanden zu haben; obwohl sie kein Interesse an den wirren Behauptungen eines verwirrten Historikers hatte, der nur zu gerne über sich selber sprach. Doch nun wusste sie zumindest, was sie über ihn schreiben sollte – und wie sie über ihn schreiben sollte. Er tat ihr fast ein wenig Leid, doch ihr Herz klopfte, als sie an den Artikel dachte und Stichworte, Verbindungspfeile und Unterstreichungen auf ihre Notizen kritzelte – ein Chaos, das nur sie alleine zu entziffern wusste.

09: Donnerwale

Einen Schritt vor. Ducken. Eine Rolle vorwärts, dann mit der Klinge parieren und zum Gegenangriff vorpreschen.

Metall klirrte auf Metall. Dahales’ Hand kribbelte beim Aufprall. Sein Herz trommelte, und das Blut brannte in seinen Adern. Er schwitzte, schwer, und mit jedem Schritt und jedem Schwung schien ihn das Fett an seinem Bauch nach unten ziehen zu wollen. Seine Muskeln schmerzten. Hastig senkte er seinen Arm, zog ihn panisch zurück, doch es war schon zu spät.

Er spürte einen Luftzug und sah dann einen kurzen Blitz, der nur einen Augenblick lang dauerte. Nur wenige Zentimeter entfernt von seiner Schulter brach die Klinge in der Luft ab und fiel auf den Holzboden. Ein Klirren zitterte durch die Halle, wie von einer Münze, die auf einen Tisch fällt und nicht zum Stillstand kommt. Die anderen Schwertfechter um ihn herum brachen ihre Kämpfe ab und starrten ihn an, als ob er jemanden getötet hätte.

“Verdammt, Dahales, das ist das dritte Mal in diesem Sommer!”, brüllte sein Gegner, Fechtmeister Geronor. Er ballte seine linke Faust und warf beide Hände über dem Kopf zusammen. “Das dritte Mal in diesem Sommer, bei Andalor! Wie oft habe ich es dir gesagt: Wir fechten hier. Das ist Sport! Fauler Zauber hat hier nichts zu suchen!”

Dahales steckte seinen Degen weg und stützte sich mit seinen Händen auf seinen Knien ab. Sein Herz klopfte noch immer, und er holte tief Luft.

“Es tut mir leid”, sagte er und schüttelte den Kopf. “Ich kann das nicht immer kontrollieren.”

Geronor warf sein zerbrochenes Schwert zu Boden und ging ein paar Schritte durch die Fechthalle. Er schüttelte seine Beine aus. Dann drehte er sich um und zeigte mit dem Finger auf Dahales. “Dann lern’ es endlich. Weißt du, würdest du nicht gutes Geld bezahlen, würde ich dich ‘rauswerfen. Was suchst du eigentlich hier? Langsam glaube ich, dass du in einem echten Kampf zwar brandgefährlich wärst, im Sport aber eine Niete bleiben wirst, weil du deinen Körper nicht von deinem Geist trennen kannst und du da immer irgendeinen Zauber-Schwachsinn einbringst!”

Dahales schluckte und holte noch einmal tief Luft.

“Ich habe das einfach schon viel zu sehr verinnerlicht”, keuchte er. “Es kommt wie ein Reflex… Du kannst keine dreißig Jahre in einem einzigen Jahr ändern.”

“Ja,ja. Das weiß ich”, knurrte Geronor. “Aber wenn du das nicht ändern kannst, dann muss ich dich ‘rauswerfen! Weiß deine Frau eigentlich von deinem Problem? Hier geht es um Sport. Um Disziplin, verstehst du? Außerdem kann ich nicht ständig neue Klingen kaufen! Diese hier geht auf dich.”

Dahales nickte wieder, sah dem Meister aber nicht in die Augen. Er versuchte es immer wieder – doch wenn er Gefahr spürte, dann schien eine andere Person die Kontrolle über ihn zu ergreifen. Eine Kraft in ihm wollte ihn schützen, so wie man automatisch auf Ellbogen und Knie fällt, wenn man stürzt, um wichtigere Teile zu schützen. Nichts half dagegen. Doch Geronor schien fest davon überzeugt zu sein, dass Dahales es nur nicht richtig versuchte.

Als ob er etwas darüber wusste.

“Dieses Lichtschild oder was auch immer es ist macht dich zum Tier, Dahales”, sagte Geronor schließlich. “Du hast hier nichts zu suchen. In einer Schule für Straßenmagier wärst du besser aufgehoben, aber ich glaube kaum, dass die dich nur wegen einem einzigen Trick aufnehmen.”

Später saß Dahales auf dem Balkon und badete im Licht der Abendsonne. Die Hitze machte ihn müde. Und obwohl der Wind vom Meer ihn immer wieder kühlte – richtig wohl fühlte er sich nur dann, wenn die Sonne untergegangen war.

Von seinem Stuhl aus konnte er durch die Häuserschlucht blicken, in deren Mitte eine Straße etwa zweihundert Meter bergab führte und in einer Kreuzung mündete. Ancardia ging immer durch diese Straße, wenn sie von der Arbeit kam. Wenn sie diese ganze Steigung hinaufkletterte, konnte er sie schon von Weitem sehen – auch an diesem Abend. Er glaubte fast, dass ihr Lächeln ihm schon vom Beginn der Straße an entgegen strahlte. Sie warf ihm einen Kuss hoch, bevor sie unter dem Balkon durch die Haustür ging. Dahales starrte weiter zwischen den Gittern des Balkongeländers auf die leere Straße.

Als sie kurz darauf auf den Balkon trat, fiel sie sofort in einen Sprechrausch.

“Ich schreibe einen sehr wichtigen Artikel”, sabbelte sie. Ancardia konnte sehr schnell sprechen, vor allem dann, wenn sie einen sehr wichtigen Artikel schrieb. “Es gibt diesen Wisenschaftler, und der lebt in einer völlig anderen Welt. Er behauptet, es hätte vor Tharamant und Ulýviran noch weitere Zivilisationen gegeben, die sich selbst vernichtet hätten. Und er hat einfach keine Beweise und greift nach den letzten Strohhalmen.”

Dahales hörte ihr zu und nickte. “Ich habe Essen gemacht. Morgen bist du wieder dran, du musst doch morgen nicht so lange arbeiten, oder?” Ich muss morgen ins Wirtshaus”, erklärte er.

Sie gingen auf den Balkon und trugen beide ihre Teller, eine Schüssel mit dem Salat, Gläser, eine halbe Flasche Wein und zwei Gabeln auf den Tisch. Zu zweit am kleinen hölzernen Klapptisch war es zwar eng, aber dafür saßen sie im warmen Licht des Sonnenuntergangs – ein Essen im Herzen des Sommers.

“Auf uns beide!”

Sie lächelten sich an, hoben die Gläser und tranken. Dann senkten sie die Gabeln in den Salat und knusperten an Blättern, Gurkenstücken und Tomatenscheiben.

Die beiden saßen danach noch lange auf dem Balkon. Irgendwann tauchten die Sterne am wolkenlosen Himmel auf. Das Paar hielt Hände und schwieg. Ancardia hatte eine Unzahl an Kissen für ihre beiden Stühle heraus geholt, und Dahales hatte den Tisch vom Balkon in die Wohnung getragen, damit sie nebeneinander sitzen konnten. Dahales sprach über die Sternenbilder, die er am Himmel sah, und wie er sie genannt hätte, wenn man ihn denn gefragt hätte. Sie hörte zu, nickte, aber in ihrem Kopf war sie offenbar bei der Zeitung; reden war heute nicht drin, nur träumen. Er sah sie an und versuchte, den Blick in ihren Augen zu entschlüsseln.

Sie konnten miteinander sprechen, wollte Dahales glauben. Er wollte daran glauben, dass sie sich nicht auf der Flucht vor ihrer eigenen Einsamkeit getroffen hatten und wertvolle Sätze wie „Ich liebe dich“ zu leeren Phrasen degradierten. Er wollte daran glauben, dass sie nicht nur mit einer Notlösung zufrieden waren. Doch an manchen Tagen spürte er, dass etwas fehlte – obwohl sie sich einen Kuss auf den Mund drückten; und in diesem Abend, als Ancardia neben ihm saß, seine Hand hielt und in den Himmel träumte, da konnte er nicht glauben. Sie wirkte fern, wenn sie ihre Arbeit mit nach Hause nahm.

Dahales sah vom Balkon herab. In der Stadt leuchteten die Gaslaternen in den Straßen, und wären die dunklen Silhouetten der Häuser und Monumente nicht gewesen, dann hätte man Tharamant für den endlosen Weltraum zu ihren Füßen halten können. Der Mond warf einen silbernen Sternennebel auf das Wasser und die letzten fahrenden Kutschen und Straßenbahnen hatten ihr eigenen Laternen, die an den Kabinen wackelten. Aus der Ferne sahen sie wie langsam ziehende Sternschnuppen aus. Dahales schloss die Augen und sog die Sommernachtluft ein.

Ein heiseres Summen legte sich in seine Ohren – Weltallmusik, die langsam lauter wurde, begleitet von einem Horn, das vom Hafen kam. Oder vom Landesinneren. Oder aus der Stadt.

Dahales machte die Augen wieder auf, sah die Lichter der Stadt, hörte, wie das Summen zu einem Brummen wuchs. Es wurde kühl, wie bei einem Fahrtwind oder der Meeresbrise, doch dieser Wind kam nicht vom Meer; hier roch es nicht mehr nach Meersalz, sondern nach den Dämpfen von Maschinen, nach verbranntem Öl und nach Metall, das in die Nacht hinein stank.

“Ancardia, mach’ deine Augen auf!”

Sie öffnete die Augen und schreckte zurück. Etwa hundert Meter über ihnen schwebte ein Schatten. Er mochte so lang wie eine der Straßenbahnen sein, die in der Stadt fuhren, vielleicht noch länger, doch das Ding flog. Dahales konnte nicht erkennen, ob es ein Tier oder eine Maschine war. Er kniff die Augen zusammen. Über den Dächer der Wohnhäuser hing ein Schatten, der fast wie ein Rochen oder ein Wal in der Luft zu schwimmen schien. Dahales erschrak, doch er konnte nicht wegsehen: Erst recht nicht, als weitere Schatten im Mondlicht über der Stadt auftauchten.

10: Mondträne

Als der Tag anbrach, gewannen die Schatten über der Stadt an Farbe: Ihre grauen Körper schienen einen schwachen Glanz des Himmels zu spiegeln. Sie neigten sich im Wind und schaukelten wie die Schiffe im Hafen auf unsichtbaren Wellen. Sie sahen wie Tiere aus, die unter Wasser lebten – silberne Wale hingen über der Stadt, und kleinere Wale flogen zwischen ihnen hin- und her, verschwanden in ihnen. Bei jeder Bewegung drehten sich ihre Metallflossen, in die man große Löcher geschnitten hatte – in ihnen schien sich etwas blitzschnell zu drehen, aber was, das konnte niemand erkennen. Der Rest des Körpers war starr, und wer genau hinsah, entdeckte schwere Panzerplatten mit harten Kanten an ihren Rümpfen. Niemand wusste, ob das am Himmel Tiere in Rüstung oder Maschinen waren – manch einer dachte, dass jemand Tier und Maschine miteinander verschmolzen hatte.

Vedian hatte kein Interesse an den Luftschiffen. Die Nacht und der Morgen waren laut gewesen, weil viele Menschen aus der Stadt flüchteten. Auf den zentralen Straßen blockierten sich Kutschen und Fußgänger gegenseitig, und er hatte gehört, dass der Bahnhof so überfüllt war, dass die Leute auf dem Platz vor seinen Treppen schon Schlange standen. Über Nacht hatten sie eilig ihre Koffer gepackt, um am Morgen aufbrechen zu können – natürlich nach einem Frühstück, denn ein Tharamantiner kann doch die Stadt nicht ohne ein Frühstück verlassen.

Andere gingen ihrem gewohnten Tag nach, so wie Vedian. Er hatte keine Angst; er hatte keinen Grund dazu. Keins der Luftschiffe hatte bisher etwas von Bedeutung getan, egal, ob es über den Hochhäusern im Bankenviertel, über den Lastkränen und Schiffsmasten am Hafen oder aber über der Altstadt hing. Auch die kleineren Luftwale, die wie flinke Miniaturen der großen Schiffe zwischen ihnen hin- und herflogen, zeigten keine Regung außerhalb ihrer Flugrouten. Vedian war sich noch nicht einmal sicher, ob sie die Menschen am Boden überhaupt bemerkten.

Es spielte keine Rolle. Wo immer die Schiffe auch herkamen – ob aus Gadagor, Artasien, Efortem, Yheboran, Masádrav, Eisland oder Nordgrenz – im Laufe des Tages würden sie es herausfinden. Die Zeitungen würden ein paar Tage lang darüber schreiben und sich dann damit beschäftigen, ein neues Thema zu finden. Es würde sich von alleine erledigen. In Tharamant erledigte sich alles von alleine.

Vedian merkte, dass er etwas trödelte. Doch auf der anderen Seite – was auch immer. Seine Gedanken waren bei Vherendie, und er ertappte sich dabei, wie er auf dem Campus nach ihr suchte. Er versuchte, die kleine Frau mit dem Rucksack zu finden, der ihr eigentlich viel zu groß war. Dann sah er wieder zum Himmel, zu den Luftschiffen, und seufzte. Sie zeigten noch immer keine Regung. Vielleicht, dachte er, waren sie aus Masádrav, da sie dem Bernsteinfalken an Vherendies Kette ähnelten.

Er ging unter dem breiten Vordach der Alten Universität hindurch. Eine Gruppe Studenten trappelte an ihm vorbei. In der Eingangshalle hielt er auf den rechten Gang zu, als er hörte, wie sich neben ihm jemand räusperte.

“Meister Vedian Bordakane!”

Vedian drehte sich um, doch er wusste schon vorher, wer mit ihm sprach. Der alte Mann mit Stoppelbart kam aus Gadagor und hielt einen Gehstock in seiner rechten Hand. Die grünen Pflanzentöne, die seinen Mantel bestimmten, flossen wie bei einem Baumblatt vom Kragen hinab zu den untersten Nähten. Wurzeln aus Goldfaden verzierten die Ärmel. Wenn er es nicht besser gewusst hätte, dann hätte er schwören können, dass der Mantel wie eine Pflanze gewachsen war; die Weber von Gadagor waren wahre Künstler.

“Kilionor van Trinitas!”, rief Vedian, blieb stehen und lächelte. “Was machen Sie denn hier? Ich dachte, Sie wären in Gadagor.”

“Ich muss Sie unbedingt sprechen”, knurrte van Trinitas. Neben ihm stand ein junger Mann, der die gleiche Kleidung trug. Vedian vermutete, dass dies sein Schüler war. “Umgehend. Es bleibt nicht mehr viel Zeit.”

Vedian runzelte die Stirn.

“Es… Es tut mir leid”, antwortete er. “Wie wäre es heute Nachmittag, gegen drei Uhr?”

Van Trinitas schüttelte den Kopf und verdrehte die Augen.

“Bordakane”, knurrte er. “Ich habe mich nicht um einen Platz im Übernachtzug geprügelt, um jetzt auf Sie warten zu müssen.”

Vedian zog seine Augenbrauen nach unten und musterte die müden Falten in dem langen Gesicht.

“Ich muss Ihnen etwas zeigen”, sagte Trinitas, und er sah verlegen zu Boden. “Denn auch ein alter Mann ist gelegentlich dazu gezwungen, seine Ansichten zu ändern. Kommen Sie, wir brauchen einen Projektor.”

Van Trinitas und sein Schüler gingen los. Vedian blieb stehen und sah ihnen hinterher – der alte Mann humpelte noch stärker als bei der Konferenz in Deronor vor zwei Jahren. Dort hatten sie sich das letzte Mal gesehen. Schon damals fragte Vedian ihn, was für eine Krankheit es war, an der er litt. Er hatte nie eine Antwort erhalten.

“Kommen Sie, Sie Idiot!”, rief van Trinitas, der schon am Eingang des rechten Tors stand. Vedian eilte hinterher.

Wenig später schob er einen Projektor auf einem Rollbrett in seinen Hörsaal. Van Trinitas humpelte ihm hinterher und sah in die verdutzten Gesichter von Vedians Studenten. Der Saal raunte.

“Ancardion!”, rief Vedian in den Saal. “Seien Sie so gut und ziehen Sie die Gardinen vor die Fenster.”

Die Gardinen sperrten das Sonnenlicht aus, Vedian kurbelte eine Leinwand hinunter, van Trinitas bat seinen Schüler auf einen Stuhl und setzte ihm einen Kupferhelm auf, an dem er einen Draht anschloss. Den Draht führte er zu einem kleinen, schwarzen Kasten, der vorne und hinten jeweils eine dicke, gewölbte Linse besaß. Den Kasten setzte er zwischen Lampe und Linse des Projektors.

“Herr Bordakane, verzeihen Sie meine Frage”, rief Daralenna ihm zu. “Aber was wird das hier? Wollten Sie nicht -“

“Es hat eine Planänderung gegeben”, nuschelte Vedian ihr entgegen. Dann trat er vor seine Studenten und hob die Stimme.

“Sie werden heute Zeugen einer neuen Methode der Geschichtsforschung”, verkündete er. “Mein werter Kollege Kilionor van Trinitas -“

“Wir sind keine Kollegen, wir sind Gegner”, warf van Trinitas ein, während er am Apparat herumschraubte.

“Mein werter… Gegner Kilionor van Trinitas.” Vedian räusperte sich. “Er zeigt Ihnen in Kürze, wie das Vorstellungsvermögen eines Imaginars dazu verwendet werden kann, lebensnahe Bilder aus der Vergangenheit heraufzubeschwören – echte Bilder, wohlgemerkt. Sie sind damit die ersten Studenten in den Ländern des Dreibundes, die diese beeindruckende Technologie mit eigenen Augen erleben dürfen.“

Van Trinitas beugte sich zu ihm.

“Sie konnten schon immer gut verkaufen”, flüsterte er. “Aber in Kürze hat das keine Bedeutung mehr. Schicken Sie Ihre Studenten nach Hause. Sagen Sie ihnen, dass sie die Stadt verlassen sollen, solange sie noch können.”

“Ich sehe keinen Grund”, flüsterte Vedian zurück, “meinen Studenten diese Gelegenheit vorzuenthalten. Fangen Sie an.”

Die Luft stand dick im Raum. Van Trinitas trat hervor, räusperte sich erneut und zeigte auf seinen Schüler; der verschränkte die Arme und starrte zwischen seinen langen schwarzen Haaren ins Leere.

“Das ist Damidias”, erklärte van Trinitas. “Ich habe ihn vor drei Jahren gefunden, nachdem er aus einem Waisenhaus ausgebrochen war. Es gibt keinerlei Vorgeschichte zu ihm – keine Eltern, keine Geschwister, keine anderen Verwandten. Ich habe ihn unter meine Obhut genommen und sein Potenzial trainiert. Er ist ein hervorragender Imaginar, spricht aber nicht.” Er sah zu Vedian herüber und fügte hinzu: “Wünsche ich mir bei manchen Menschen öfter.”

“Oh. Har har har, Trinitas”, brummte Vedian. “Wenn Sie mich schon beleidigen, dann bleiben Sie lieber dabei, mich einen Idioten zu nennen. Das ist nicht ganz so subtil und passt besser zu Ihnen.”

Van Trinitas hob eine Augenbraue und sah kurz in die Runde der Studenten.

“Und so einer darf unterrichten”, murmelte er. Dann humpelte er zu Damidias. An seinen Füßen stand eine Tasche, aus der van Trinitas einen grauen, glatten Stein zog. Vedian runzelte die Stirn, denn er konnte den Stein keiner Gesteinsschicht zuweisen, die er kannte. Der Stein war geradezu poliert; er schien mehr Farben zu zeigen, als tatsächlich auf ihm lagen. Auf seiner Oberfläche spiegelte er den Raum, Vedian, seine Studenten, Damidias und van Trinitas.

“Was ist das?”, fragte Ardios.

“Haben Sie Geduld, Junge”, rief van Trinitas und legte den Stein auf den Tisch. “Beantworten Sie mir zuerst eine Frage: Was geschah im Jahr 499 nach der Gründung des Dreibunds?”

“Das ist doch Blödsinn, Trinitas”, warf Vedian ein. “Erzählen Sie uns, was Sie hier wollen, ich muss immerhin gleich noch Unterricht geben.”

“Sie ignoranter, selbstsüchtiger Idiot”, zischte van Trinitas. “Es ist schon Demütigung genug, dass ich vor Ihnen stehe, um meine Fehler einzugestehen. Nun faseln Sie mir nicht ständig dazwischen, weil ich Ihren dummen Unterricht störe.”

Vedian stöhnte auf.

“Dann sagen Sie mir, was Sie hier machen!”, brummte er.

Van Trinitas und die Studenten starrten ihn an, und einen Moment lang herrschte Stille im Hörsaal. Damidias sah weiter in die Unendlichkeit, während van Trinitas schnaufte und kurz zu Boden sah. Dann klackerte er mit seinem Stock etwas unruhig auf den Fliesen herum. Er hob den Stein.

“In diesem Stein”, sprach er, “liegt der Schlüssel zu unserer Vergangenheit. Hören Sie, verehrte Studenten meines… ‘Kollegen’ Bordakane: Wir alle schweben in großer Gefahr. Lassen Sie mich daher erklären, auch wenn einigen Elementen in diesem Raum die Geduld dafür fehlen mag. Sie sollten jedoch den Raum verlassen, zu Ihren Familien und Freunden gehen und mit Ihnen aus der Stadt fliehen, was in meiner Sicht die klügere Wahl ist. Niemand weiß, was hier in den nächsten Tagen geschehen wird, aber ich kann Ihnen garantieren: Die Dinge, die ich Ihnen zeigen werde, deuten auf den Untergang Tharamants hin.”

Vedian zog seine Augenbrauen tief nach unten und verengte seine Augen. Van Trinitas senkte seinen Blick, als er merkte, dass die Studenten auf ihren Plätzen blieben.

“Da tauchen Luftschiffe am Himmel auf und die halbe Stadt geht ihrem Alltag nach”, murmelte er. “Aber in Gadagor wäre es das Gleiche. Wir hatten zu lange Frieden.”

Er wandte sich den Studenten zu und hob seine Stimme.

“Lassen Sie mich erklären. Im Jahr 499 des Dreibundes begab sich eine Expedition unter der Leitung des Kapitäns Nichaley Lestade in die Gewässer vor der Stadt, um den Götterkeil zu erkunden. Laut den Tagebüchern der Mannschaft und auch Lestades fand sie ein völlig fremdartiges Stück Land vor, einen steilen Fels, auf dem nichts gedeihen sollte. Trotzdem beschlossen die Stadtväter Tharamants, Siedler auf die Insel zu schicken, da man sich wie so oft große Edelmetallvorkommen erhoffte. Am Fuß des Berges errichteten sie die erste Siedlung des Götterkeils: Nichalior.”

Vedian nickte.

“Das wusste ich!”, warf er ein. “Lernt man das in Ihren Kursen?”

Van Trinitas starrte ihn mit unbewegter Miene an. Sein Blick schien schwerer zu wirken als noch vor einigen Minuten, als ob er zu müde war, mit ihm zu streiten.

“Es wuchs jedoch tatsächlich nichts auf diesem Stück Dreck”, erzählte van Trinitas stattdessen und humpelte zum Projektor. “Ständig verkehrten Schiffe mit Nahrungsvorräten zwischen dem Ufer des Götterkeils und dem Hafen von Tharamant; allen voran Lestades eigenes Schiff, die Seefalke. Doch eines Tages im Jahr 501 fand die Besatzung der Seefalke die Einwohner der Siedlung tot vor. Die Besiedelung wurde darauf hin abgebrochen, zumal der Krieg vor der Haustür stand, und seitdem hat man den Götterkeil konsequent gemieden.”

Van Trinitas drehte ein paar Schalter und zog an einem Hebel, und der Projektor bekam Licht. Dann beugte er sich zu Damidias hinunter.

“Nimm den Stein, Damidias, und bereite dich darauf vor, ihnen die Bilder zu zeigen”, sagte er.

Dann wandte er sich wieder den Studenten zu.

“Bevor jedoch die Besiedelung überhaupt begann, hat Lestade einige Steine mitgenommen”, erzählte er und bohrte dabei mit seinem Stock in einer Fuge im Boden. “Heimlich. Vor drei Monaten wurden sie mit seinem Grab gefunden, fünf an der Zahl. Das Schwein hat sie uns all die Jahrhunderte vorenthalten. Wunderbar, nicht wahr? Wie dem auch sei. Es ist ein Stein vom Götterkeil.”

Vedian war sprachlos und setzte sich auf einen Stuhl. Auch die Studenten im Raum wagten kaum, etwas zu sagen. Flüchtig erkannte er, wie Daralenna ihre Hand vor den Mund hielt. Es war kein Wunder, dass der Stein so fremd aussah, wenn er tatsächlich aus unerforschtem Territorium stammte. Für einen Moment war der Hörsaal so leise, dass allein der Sommerwind ein Geräusch machte, wenn er durch die Fensterspalten zog.

“Trinitas, das ist ja der pure Wahnsinn”, hauchte Vedian endlich und blickte in den Stein auf dem Tisch. Was dort lag, besaß nicht nur einen enormen materiellen Wert – es war pures Gold für seine Forschung. Mit diesem Stein konnte er den Ursprung des Götterkeils erforschen, und vielleicht sogar der Untergang früherer Kulturen.

“So in etwa”, erwiderte van Trinitas. “Und jetzt beginnt der wahre Wahnsinn, um Ihr Vokabular zu nutzen: Der Stein untermauert alles, über das Sie in Ihrer Arbeit spekuliert haben. Es schmerzt mich, das zu sagen. Aber Sie hatten Recht. Ihre Methoden sind Mist, ihre Beweisführung ist haarsträubend, aber die Realität stimmt ihnen leider zu. Sie haben gewonnen, weil sie den richtigen Riecher hatten. Nicht, weil Sie der bessere Wissenschaftler sind, möchte ich klarst- “

“Vielen Dank”, murmelte Vedian, beugte sich vor und stützte seine Ellbogen auf den Oberschenkeln ab. Er konnte seinen Blick nicht von diesem Stein lassen. Die Oberfläche glänzte, als hätte man sie mit Wachs überzogen, doch darunter leuchtete der Fels wie ein Stück vom Mond, das die Sonne reflektierte.

“Wir leben im Zeitalter der Telegraphie”, sprach Vedian und legte sein Kinn in seine rechte Handfläche. “Wieso haben Sie mir das nicht als Telegramm geschickt, in der Art: ‘sehr geehrter bordakane STOP sie hatten recht STOP verzeihen sie all den ärger STOP’, oder ähnlich?”

Van Trinitas atmete einen tiefen Luftzug und sah dann zu Boden. Er trommelte unruhig mit seinem Gehstock auf dem Boden umher.

“Das, Vedian, was ich Ihnen jetzt zeigen werde, ist nichts, das in den Weiten der Forschung Bedeutung haben wird. Es geht weit darüber hinaus, und es geht uns alle etwas an, und es wird das Gesicht dieser Welt verändern – es ist eine Warnung an die Welt der Menschen. Außerdem wären Sie nicht gekommen, wenn ich sie in einem Telegramm darum gebeten hätte.”

“Bin ich jetzt dran, Sie einen Idioten zu nennen? Ich komme auch nicht mit Ihnen, wenn Sie mich persönlich darum bitten.”

“Verdammt nochmal, reißen Sie sich endlich zusammen, Sie Ahnungsloser!”, brüllte van Trinitas plötzlich. Dieses Mal bewegte er seinen Stock nicht, sondern schien ihn tatsächlich zu brauchen, um sich auf ihm abzustützen. Wutfalten gruben sich durch seine Stirn. Vedian zuckte zusammen.

Nach ein paar Sekunden fuhr van Trinitas fort: “Ihr Erfolg hat Sie arrogant gemacht. Doch vor allem hat er Sie ignorant gemacht! Bei Andalor, welcher Trottel bleibt denn in einer Stadt, über der fremde Luftschiffe auftauchen?”

“Ich könnte ebenso fragen, welcher Trottel in eine Stadt fährt, über der fremde Luftschiffe auftauchen”, entgegnete Vedian. Die beiden blickten sich in die Augen, wie zwei Hunde, die am gleichen Knochen knabbern wollen. Sie schwiegen einen Moment, bevor van Trinitas schnaufte und sich auf einen Stuhl setzte. Zwei Studenten aus den hinteren Reihen nahmen ihre Sachen, hasteten zur Tür und verließen den Raum. Ein paar weitere flüsterten miteinander.

“Nur ein absoluter Hinterwäldler bleibt stehen, wenn die Götter am Himmel auftauchen”, fuhr van Trinitas fort. Sein Gesicht zeigte müde Falten. “Vedian, ich bitte Sie. Ihre ganze konstruierte Frühgeschichte übersieht einen zentralen Punkt: Sie geht davon aus, dass sich eine frühere Zivilisation selber ausschaltet. Dabei übersehen Sie aber die unzähligen anderen Katastrophen, die eine Kultur treffen können. Fluten. Dürren. Vulkanausbrüche. Himmelsbombardement. Invasionen; und Sie übersehen, dass es immer etwas gibt, das überlebt.”

Er stand wieder auf und humpelte auf ihn zu.

“Haben Sie einmal darüber nachgedacht? Darüber, dass eine Kultur vielleicht nicht komplett ausgelöscht wird? Haben Sie abgewogen, dass die überlebenden Menschen nicht zu primitiven Wilden werden, sondern das Wissen ihrer Zeit bewahren – isoliert von den Stämmen, Ulýviran, von Tharamant und ganz Alâon? Über tausende von Jahren? Wann immer wir vom Weltuntergang sprechen, gehen wir davon aus, dass die Menschen alles verlieren, was sie aufgebaut haben. Aber nicht alle tun das.”

“Das ist ja besser als Theater”, murmelte Daralenna in der ersten Reihe. Vedian blickte verwirrt zu ihr, dann wieder zu van Trinitas.

“Moment mal”, sprach er, “Haben Sie nicht eben gesagt, ich hätte Recht? Warum denn jetzt ein Denkfehler? Und wie stehen Sie nun vor mir – als erklärter Gegner meiner Forschungsrichtung – und spekulieren über Vulkane, Fluten und Invasionen?”

“Veränderungen im Erdboden, und Eis aus den nördlichsten Regionen von Eisland”, erwiderte van Trinitas. Sein Stock untermauerte beide Punkte mit einem Klopfer auf dem Boden. “Sie sehen sich immer ganz stolz an, was Sie in der Erde finden, aber niemals die Erde selber. Sprechen Sie zur Ausnahme mal mit einem Bodenkundler, Sie Ignorant. Suchen Sie nach echten Beweisen, die nciht aus ihrem Kopf kommen. Seien Sie ein verdammter Wissenschaftler.”

Vedian war nun still und blickte wieder auf den Stein. Van Trinitas wartete einen Moment.

“Vedian…”, sagte er schließlich. Die Sorge schlich in seine Augen. “Nur weil wir etwas nicht sehen, heißt es nicht, dass es nicht existiert. In diesem Fall hätten wir es sehen müssen. Das Zeichen, nein, sogar der Beweis liegt in den Erdschichten, und er liegt direkt vor unserer Haustür. Vor Tharamants Haustür – schon seit Jahrtausenden. Mein Fehler war es, ihren Ideen keinen Glauben zu schenken – ihr Fehler war es, es bei der Idee zu belassen.”

“Unglaublich.”

Einen Moment herrschte Stille im Saal.

“Nun machen Sie doch endlich alle den Mund zu, Sie sehen aus wie eine Horde Minderintelligenter”, greinte van Trinitas den Studenten und Vedian entgegen. Auf der Projektionsleinwand flimmerten Bilder, während Damidias den Stein streichelte. Er hielt seine Augen geschlossen.

“Die Projektionsdichte von Damidias ist noch besser, als Sie es beschrieben haben, Trinitas.”

“Das weiß ich selber. Es gibt keinen einzigen Imaginar im ganzen Herrschaftsgebiet der Menschen, der auch nur annähernd so qualifiziert ist wie mein guter Ziehsohn.”

Vedian sah kurz von der Leinwand ab und entdeckte, wie Damidias ein Augenlid anhob. Sein Auge war kühl und starr, doch das Lid zuckte, fast unmerklich, aber Vedian konnte es sehen.

“Warum sind Sie hergekommen?”, fragte er. “Ich möchte gerne endlich eine Antwort haben, wenn Sie mich schon einen Idioten nennen, weil ich trotz der Luftschiffe in Tharamant bleibe, Sie selber aber trotz der Luftschiffe nach Tharamant kommen.”

“Um Sie zu warnen, und um Sie mitzunehmen”, antwortete van Trinitas. Sein Stock klopfte wie in einem Rhythmus zu den Bildern auf dem Boden. “Wenn es so kommt, wie es kommen wird, dann brauchen wir jeden klugen Kopf, den wir kriegen können. Und so ungern ich es auch zugebe – Sie haben einen klugen Kopf.”

“Danke”, sagte Vedian.

“Nicht der Rede wert”, sprach van Trinitas. “Ich mache das nicht für Sie, sondern weil das Kommitee Sie in der Frosthundfeste brauchen könnte. Sehen Sie hin.”

Die Bilder waren so scharf wie auf Fotographien im Tagesboten, doch sie zeigten Dinge, die niemand für möglich hielt: Feuerstürme, die Städte mit Türmen aus Glas zermalmten, waffenstarrende Maschinenwesen und Menschen, aus denen Schläuche ragten.

Doch vor allem waren diese Bilder eins: Bewegt.

“Wir sind jetzt an einem Punkt angekommen, Vedian”, führte van Trinitas aus, “an dem wir nicht mehr das emotionale Umfeld eines Gegenstands messen, sondern seine konkrete, subjektive Erinnerung. Ich weiß – das klingt seltsam und haarsträubend, aber es stimmt. Die besten Imaginare können die Erinnerung eines Gegenstandes abrufen, auch wenn dieser über kein Bewusstsein verfügt. Vor einigen Monaten, als ich begann, Damidias auf diese Gegenstände einzuarbeiten, war ich überwältigt. Ich sah Schlachten vor mir, wie sie sich wirklich ereigneten – Yheganos ist nicht vom Schlachtfeld geflüchtet. Ich habe Ulýviran gesehen und konnte an Hand eines alten königlichen Bettes die obszönsten Intrigen mitverfolgen, die sich damals im Fürstentum Aram abspielten.”

Er stand auf und ging zur Leinwand, auf der sie die Welt von oben sahen. Alâon hatte eine andere Form als die, die Vedian kannte: Efortem war keine Halbinsel, sondern eine Insel, und Nordgrenz und Eisland lagen viel weiter westlich. Dann fiel etwas auf die Welt hinab – ein langer Fels, unten dick und oben dünn. Er sah wie eine Birne aus, erinnerte aber mit seinen sanften Konturen eher an einen Tropfen. Flammen umgaben ihn zu allen Seiten, als er sich dem Kontinent näherte.

“Alles unglaublich, Trinitas”, sagte Vedian erneut. “Aber woher wollen Sie wissen, dass das echt ist?”

“Dazu komme ich gleich. Sehen Sie erst einmal dieses bewegte Bild. Der Flug auf die Welt. Oder sollten wir es lieber einen Fall nennen? Sehen Sie, wo der Fels hinfällt.”

“Tut mir leid, das kann ich nicht sagen. So scharf ist das Bild nun auch wieder nicht.”

“Ich kann auch nicht genau sagen, wo er hinfällt”, warf Daralenna ein. Van Trinitas und Vedian blickten zu ihr. “Doch wir können ja sehen, welches Stück Land noch nicht auf der Weltkarte ist.”

Einen Moment war es still im Hörsaal; allein die Projektorlampe summte. Vedian blickte zwischen Daralenna und van Trinitas hin- und her.

“Der Götterkeil”, sagte sie. “Der Götterkeil war vorher noch nicht da.”

“Kluges Mädchen”, sagte van Trinitas und lächelte. Dann ging er auf die Studenten und Vedian zu und spielte schon wieder mit dem Stock in einer Fuge herum. “Vor einer Woche las ich einen Artikel im Morgenblatt von Gadagor. Darin ging es um das Volk der Karuto, und die Zeitung druckte eins ihrer Lieder ab; ein Lied, in dem die Karuto erklären, dass sie in Alâon leben, ‘seit der Mond weinte’. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie damit den Götterkeil meinen, den entweder kam der Fels vom Mond oder einer anderen Welt.”

Das Bild sprang weiter, flirrte kurz und zeigte daraufhin eine Schneelandschaft, aus der tote Bäume herausragten. Ohne Pause fuhr van Trinitas fort.

“Der Einschlag war so groß, dass er einen jahrelangen Winter verursachte. Nur die wenigsten dürften dies überlebt haben. Die armen Bäume.”

“Was für eine Katastrophe.”

“Springen wir jetzt in den Sommer 501. In den Monat, bevor der Seefalke dem Keil einen erneuten Besuch abstattete und Lestade schließlich den Stein mitnahm.”

“Was geschah danach?”, fragte Vedian.

“Dummkopf. Der Stein hat sechshundert Jahre in einem Grab gelegen. Glauben Sie, dass das spannend gewesen ist? Zurück ins Jahr 501, Damidias.”

Das Bild zeigte die abgebrannte Siedlung Nichalior und verzerrte, farblose Gesichter der toten Siedler. Schwarze, verkohlte Holzpfähle ragten aus dem Fels. Der Ort war klein; am Landesteg ein Lagerhaus, dann eine Art Schuppen, vermutlich für Minenwerkzeuge. Zwischen den Ruinen standen Holzbauten, die Vedian als Wohnhütten aus Holz identifizieren konnte. Sie folgten dem klassischen Tharamantiner Stil: Jedes Gebäude trug Verzierungen, die das Meer abbildeten. Ein hölzerner Fisch lag vor der zerbrochenen Tür einer Hütte am Boden, seine Flossen brannten; und über der Siedlung lag ein ein großer, schwarzer Schatten.

“Damidas, verschieb’ doch mal bitte das Bild auf den Himmel”, bat van Trinitas. Umgehend flog das Bild von den Hütten gen Himmel. Ein Luftschiff hing über der Siedlung, wie ein Wal im Wasser.

“Sie wissen, was jetzt passiert, Herr Bordakane?”

Vedian hielt seine Hand vor den Mund. “Au, Scheiße”, murmelte er.

“Au Scheiße in der Tat”, bestätigte van Trinitas.

11: Tor

Ancardia war zehn Minuten zu früh in ihrem Büro, doch Olisia wartete bereits auf sie. Panisch stürmte sie auf Ancardia zu.

“Andalor, Andalor, Andalor!”, rief sie, außer Atem, aufgeregt. “Ancardia – so gut, dass du da bist. Vergiss alles, was du heute vor hattest. Soschnellwiemöglich.”

“Olisia, was ist los?”, schnaufte Ancardia, während sie ihre Jacke aufhing und ihren Rucksack ablegte. “Lass mich raten. Geht es um die Luftschiffe?”

“Deine Sachen kannst du gleich wieder mitnehmen”, quasselte Olisia. “Vor der Stadt soll etwas absolut Aufregendes passieren. Einige Menschen sprechen von Lichterscheinungen, die sie in der Nacht gesehen haben, und nun stehen dort… Naja, man weiß es halt nicht. Die einen sprechen von Maschinen, die anderen von Tieren, einige von Kriegern. Niemand weiß es genau. Aber ich will, dass du da raus gehst und mir Informationen holst.”

Sie schnaufte und sah zu, wie Ancardia wortlos ihre Jacke wieder vom Haken nahm und den Rucksack vom Boden hob.

“Das ist alles so aufregend! Besuch aus einer anderen Welt!”, sprach Olisia. “Wir könnten heute Geschichte schreiben, und du stehst ganz weit vorne! Ist das nicht aufregend, meine Gute?”

“Ich wollte heute über Bordakane schreiben”, erwiderte Ancardia tonlos. “Große Chance für mich, dachte ich.”

Olisia winkte ab und legte den Kopf schief. Sie lächelte – das gab es nur selten. Sie boxte ihr sogar sanft gegen die Schulter. Ancardia runzelte die Stirn.

“Komm’ schon, Ancardia”, sagte Olisia. “Du kannst jeden Tag über alte Geschichten schreiben. Heute kannst du Teil der Geschichte sein!”

Ancardia blieb stumm, Olisia schwärmte.

“Dachten wir doch immer, wir hätten schon alle Geheimnisse gelöst!”, rief sie aus, ohne Luft zu holen. “Und nun tauchen Rätsel direkt vor der Stadt auf. Geh’ und lös’ sie. Du kannst dir ein Pferd aus dem Stall nehmen, und auf jeden Fall brauchst du eine Kamera. Ich habe da ein Gespür für… Vor der Stadt geht etwas vor sich. Geh’ jetzt einfach.”

“Zu Befehl”, sagte Ancardia, biss die Zähne zusammen und salutierte. Dann steckte sie eine klobige Fotokamera und einen Stativbausatz ein, die nur mit Mühe in ihren Rucksack passten.

Sie atmete einmal tief durch und stieg das Treppenhaus hinunter, aus dem sie gerade gekommen war. Als sie durch die Tür zum Stall hetzte und ihr der Geruch des Heus entgegen kam, spürte sie ihr Herz klopfen. Sie musste es zugeben: Geheimnisvoll waren diese Tage schon – erst der Schnee, dann die Luftschiffe Luftschiffe, und zwei tolle Aufträge an zwei Tagen. Ihrer Karriere sollte das gut tun. Wenn denn tatsächlich etwas dort passierte, über das sie schreiben konnte. Sie streichelte ihrem Lieblingspferd über den Hals, und es klang fast, als ob es ihr zuglucksen würde.

Nur ein paar Minuten später ritt sie durch die Straßen der Innenstadt. Die Marktgassen und Plätze kamen ihr etwas leerer vor als noch am Vortag – da war zum Beispiel eine Bäckerstube, in der Ancardia ab und zu ein Zuckerbrötchen kaufte. Das Schaufenster war leer und dunkel, die Vorhänge waren zu, und vor der Tür hingen ein paar schwere Holzbretter. Offenbar hatte der Bäcker seine Familie zu den Stadttoren oder zum Bahnhof gebracht.

Sie bog in eine Allee ab, in deren Mitte zwei Straßenbahnspuren lagen. Zwischen ihnen stand eine lange Reihe hoher Bäume, die sich auf den Herbst vorbereiteten. Wind zog durch ihre Kronen. Ancardia ritt an einer schnellen, schwarzen Kutsche vorbei, dann an noch einer; auf ihren Dächern lagen bunte Koffer, Taschen und Säcke, die unter der Fahrt zitterten, als ob sie selber die Angst vor den kommenden Tagen fühlten.

“Was soll das heißen, Straßensperre?”

Ancardia stoppte vor der Menschentraube, die vor dem Tor stand. Sie biss die Zähne zusammen, bevor sie “Scheiße” sagen konnte. Die bunten Gewänder der Stadt und die affektierten Persönchen, die in ihnen steckten, keiften wütend in Richtung der Wachleute, die das nordwestliche Tor bewachten.

“Ich habe meine Befehle, mehr kann ich Ihnen nicht sagen”, beteuerte der Mann und verdrehte seine Augen. Seine Hellebarde hielt er fest in seinem Griff, als ob er jederzeit bereit war, mit ihr auszuholen. Sein Kamerad hielt ein langes Gewehr mit Holzgriff in seinen Händen – Ancardia hatte solche in Gadagor gesehen. “Das Tor bleibt geschlossen.”

Ancardia stieg vom Pferd ab und näherte sich den wütenden Menschen, die aus der Stadt herauswollten.

“Ancardia Jafkalador, Presse”, murmelte sie und hielt ihren Ausweis hoch. Einige gingen ihr aus dem Weg, andere greinten ihr etwas entgegen, das wie “Wasauchimmer” oder “Na und?” klang. Mit ihren Händen schob sich Ancardia an Händlern, Maklern, Ärzten und ihren Frauen, Männern und Kindern vorbei, bis sie vor dem Wachmann mit dem Gewehr stand.

“Ich bin von der Presse. Vom TT. Würden Sie mich jetzt bitte passieren lassen?”, sprach sie und bemühte sich, ihre Stimme zwischen den wütenden Rufen der anderen zu behaupten. Sie hielt ihm ihren Presseausweis ins Gesicht. “Ich schreibe Sie sonst in Grund und Boden. Sie und die gesamte Stadtwache.”

“Schreiben Sie, was Sie wollen”, schnauzte der Mann zurück und zog seine Augenbrauen nach unten. “Befehl ist Befehl, und der Presse erzählnwa erst recht nichts. Gehen Sie nach Hause, oder was auch immer.”

Ancardia wusste, dass dies die endgültige Antwort war. Einer der Männer wollte sie von der Sperre wegführen, doch sie zog ihren Arm weg und ging selber. Ein paar Meter weiter war sie bei dem Pferd, das sie an einen Laternenpfahl angebunden hatte.

“Arschloch”, wollte sie sagen, presste es aber stattdessen zwischen ihren Zähnen hindurch – obwohl sie weit außer Hörweite des Wächters war.

Sie ging zurück zum Pferd und öffnete ihren Rucksack. Einen Moment lang überlegte sie, ob sie ein Bild aufnehmen sollte – doch das war ihr zu viel Mühe, und die schwere Holzbox konnte nur ein einziges Foto aufnehmen. Wütende Bürger waren nicht das, womit sie es verschwenden wollte. Ein paar Männer und Frauen gingen an ihr vorbei – sie trugen dicke, bunte Bündel aus Kleidern über ihren Schultern und redeten vom Hafen.

Plötzlich polterte das Tor hinter den Stadtwachen und beugte sich nach innen. Es polterte, donnerte, als ob ein Rammbock gegen die Holzplatten und Stahlbeschläge schlagen würde. Ancardia packte den Zügel ihres Pferdes und starrte auf die Torflügel. Ein Wachmann brüllte etwas, und die Soldaten stemmten sich gegen das Tor. Die Menschenmenge schrie wild durcheinander, einige jubelten.

Dann brach das Tor auf und schob die Wachleute zur Seite. Ancardia sprang in den Sattel und wartete. Sie überlegte kurz, was ihr dieser Bericht wert war. In den Redaktionen von Tharamant kämpfte jeder Schreiber um sein eigenes Büro; jeder wollte gehört werden. Ein lebensgefährlicher Einsatz war daher vielleicht laut genug, damit die Stadt endlich ihr zuhörte, Ancardia.

Dann versteinerte sie. Aus dem Tor strömten Menschen in bunten Kleidern, nicht ganz so prunkvoll wie die der Bürger, die auf der anderen Seite standen. Sie zogen Koffer und Taschen hinter sich her, hielten ihre Kinder an den Händen und vermischten sich schnell mit den Menschen, die auf Ancardias Seite der Stadtmauer standen. Ancardia blickte über die Köpfe der zankenden Menschen hinweg und sah auf die andere Seite des Tors. Neben der Menschenmasse konnte sie erkennen, wie eine Stadtwache auf dem Boden an einer Häuserwand lehnte und sich den Bauch hielt.

Niemand konnte rein, niemand konnte raus. Flaschen flogen durch die Luft, Staub wirbelte auf. Metall klang auf Metall. Fäuste rasten. Irgendwer brach den Koffer eines anderen auf. Ein Kind weinte, oder mehrere – Ancardia konnte es nicht hören zwischen all den Schreien. Ihr Herz klopfte, und das Pferd unter ihr tippelte nervös mit den Hufen. Sie sah, wie eine Frau mit Hut versuchte, dem Wachmann sein Gewehr aus der Hand zu ringen. Kurz darauf fielen die ersten Schüsse.

12: Sorge

Es schepperte auf den Straßen. Dahales schreckte hoch und stapfte das Treppenhaus hinunter. Auf dem Gehweg standen die Nachbarn, die den marschierenden Stadtwachen nachglotzten. In strengen Reihen rückten sie in Richtung der Stadtmauer, und obwohl die meisten Gesichter starr nach vorne blickten, entdeckte Dahales ein paar Soldaten, die nervös den Raum in ihren Augenwinkeln überprüften. Es beunruhigte ihn.

“Es gibt Krieg”, brummte ein alter Mann neben Dahales. Er wohnte im Nachbarhaus.

“Unsinn”, erwiderte Dahales. “In den Randvierteln ist bestimmt wieder ein Aufstand ausgebrochen. Ich hab in der Zeitung gelesen, dass-“

“Die Zeitung lügt, Junge”, greinte der Mann mit grauer Stimme. Er schüttelte den Kopf. “Die drucken nur das, was ihnen selber dient. Was ist denn mit den Luftschiffen? Die Zeitungen sagen, dass sie nichts über die wissen. Aber ich sag’ dir was: Die dürfen uns nichts sagen. Das sind geheime Versuchsmaschinen der Regierung, sag’ ich dir.”

Dahales verdrehte die Augen.

“Das ist doch Unsinn”, schnarrte er. “Die sind ja sehr geheim, wenn sie über einer der größten Städte Alâons hängen, nicht wahr?”

Die Soldaten zogen vorbei und verschwanden an der nächsten Kreuzung. Dahales warf einen Blick an den Himmel, zählte die Luftschiffe und fügte hinzu: “Außerdem sieht das nicht wie etwas aus, das Tharamant bauen würde. Dann wären ein paar Meerjungfrauen mit spitzen Nippeln drauf.”

Der Alte lachte kurz und dreckig auf.

“Ich glaube, die kommen aus Masádrav”, raunte eine Frau auf der anderen Seite.

“Als ob die klug genug dazu wären”, lachte der Alte. Sein linkes Auge war weit größer als sein rechtes. “Alles Nomaden ohne Zivilisation dort, und sie glauben an seltsame Götter, hab’ ich gehört. Die können sowas nicht bauen.”

Dahales wandte sich ab. Ein paar Sekunden lang überlegte er, ob es tatsächlich um die Arbeiterproteste in den Randvierteln ging. Er zweifelte daran. Vielleicht war eine Panik wegen der Luftschiffe ausgebrochen, doch etwas in ihm sprach davon, dass dies kein Grund für die Stadtwachen war.

Er steckte seine Hände in die Hosentaschen und ging wieder ins Haus hinein. Vom Balkon aus sah er in die Stadt hinein, über der die Luftschiffe schwebten. Er verspürte den Drang, die Koffer packen – Ancardia und er mussten die Stadt verlassen, sobald sie wieder nach Hause kam.

13: Später

Vedian hatte seine Tasche genommen, seine Studenten nach Hause geschickt und sich von Trinitas verabschiedet. “Frosthundfeste”, hatte der gesagt. Das war eine Festung, weit entfernt von Tharamant. Dort sollte er hin.

“Ich denke nicht dran”, hatte Vedian geantwortet. Vherendie war wichtiger. Außerdem lag die Frosthundfeste weiter hinter den Wäldern von Tharamant, in einem Land, in dem der Schnee fast das ganze Jahr über fiel. Keine Kraft der Welt sollte ihn dort hintreiben.

Dann hatte Vedian den Raum verlassen. Sein Kopf pochte wie ein Kessel, in dem zu viel Druck sitzt: Zu viel neues Wissen, zu viel neue Ängste, und zu wenig Gewissheit. Doch, wenigstens eine Gewissheit war da: Die Neuankömmlinge der letzten Nacht bedeuteten Ärger.

Er eilte durch die Alte Universität, durch die Flure und den Empfang, an den Portraits alter Großmeister und an Statuen, Gemälden und Wandteppichen großer Künstler vorbei. Es wirkte plötzlich so wertlos auf ihn. Jede noch so große Lebensgeschichte, jeder noch so große Mensch – sämtliche Errungenschaften aus über zweitausend Jahren sollten bald nicht mehr sein, wenn Trinitas Recht hatte. Er wünschte, wenigstens ein Werk retten und aus der Stadt schaffen zu können, doch keins der zukünftigen Relikte sollte in seine Tasche passen. Und welches? Da gab es eine Jadebüste, das versteinerte Bild und das Marmorbuch, die alle zu schwer waren, um sie alleine zu bewegen; und das abstrakte Selbstporträt von Yorvhian, das sie während der Belagerung Tharamants im Jahr 331 malte, ragte zweieinhalb Meter in die Höhe. Ein dunkler Schatten fiel auf sein Herz, als er aus der Eingangshalle der Universität trat. Die ewige Stadt war eine Lüge. Vedian blickte zum Vordach der Universität hinauf, das auf dicken Säulen ruhte. Ihm wurde klar, dass er vielleicht zum letzten Mal durch diesen Eingang gehen sollte. Die Säulen schwiegen. Vedian sah wieder auf den Platz vor der Universität, blickte auf den alten Baum, der an manchen Tagen älter als die Stadt sein mochte. Überall erkannte er das Zeugnis der Menschen von Tharamant, und als er über die Dächer der Stadt sah, fühlte er den Klang ihrer schöpferischen Kraft. Zweitausend Jahre Geschichte standen vor ihrem Ende.

Vedian stolperte die alten Treppen zum Platz hinab und rannte. Die Luftschiffe schaukelten und verließen ihre Positionen; sie gewannen an Höhe, als ob sie die Stadt verlassen wollten. Nur das Schiff über dem Rathaus blieb stehen; die anderen Luftschiffe stiegen so lange, bis sie auf einer Höhe schwebten. Zwischen ihnen flitzten die kleineren Exemplare der Luftwale, als ob sie unsichtbare Luftfische jagen würden.

Unter seiner Kleidung spürte er, wie der Schweiß aus seinen Poren kroch. Vedian stieß beinahe eine Studentin um, die in den Himmel starrte. Er sah sie an, sah ihre großen, unsicheren Augen, entschuldigte sich und dachte an Vherendie, die gerade ein Leben plante, dass es nicht geben sollte.

Plötzlich röhrte ein lauter Hohlklang aus dem Himmel. Vedian zuckte zusammen. Fast gleichzeitig antworteten die anderen Schiffe, und dann tauchte eine Wand aus Licht über dem Horizont auf: Hinter den Häusern am Stadtrand stieg sie langsam in den Himmel und zersprang mit einem Rauschen in einzelne Lichtbälle.

Vedian blieb stehen und keuchte. Um ihn herum rannten Menschen und riefen, schrien und brüllten. Nur noch wenige gafften, so wie er. Unter dem Vordach der Universität bebte der Boden und zerrte an den Mauern, bis sich Risse in ihnen öffneten. Studenten und Professoren drängten nach draußen. Eine Glocke schellte im Inneren der Universität und klang über dem dumpfen Lärm von draußen. Vedian blickte in die Gesichter der Menschen, die an ihm vorbei eilte, und dann hielt er Inne. Er glaubte, dass er etwas gesehen hatte: Eine Falkenkette.

“Vedian? Was machst du hier?”, rief sie über den Lärm hinweg. Ihre grünen Augen hinter dem Brillenglas standen weit offen.

“Vherendie!” Er riss seine Augen auf, trat auf sie zu, legte seine Arme um sie und drückte.

“Vherendie! Bei den Göttern! Ich bin so froh, dich zu sehen!”, antwortete er. Er musste lauf rufen, um durch den Lärm der fliehenden Menschen zu dringen, und er bekam kaum Luft. “Wir müssen hier weg, so schnell wie möglich!”

Er nahm seine Arme von ihr und griff nach ihrer Hand, doch Vherendie zog sie weg, bevor er sie zu fassen bekam. Sie blickte in den Himmel – die Luftschiffe legten sich in die Seite und drehten zu allen Seiten ab, während die Lichtbälle am Himmel Feuer fingen und wilde Flammen in die Bläue schlugen. Sie standen kurz vor ihrem Zenit. Einer der Bälle traf ein kleines Luftschiff und zerriss es über einem wolkenlosen Außenviertel.

“Das sehe ich auch!”, rief Vherendie und faltete ihre Brille zusammen. Sie riss an ihrer Tasche herum und zerrte ein Etui heraus, in das sie die Brille legte. “Was ist hier los?”

“Wir hätten schon längst verschwinden sollen”, rief er und beobachtete, wie die Feuerbälle am Höhepunkt ihres Fluges langsamer wurden. “Wir hätten nicht mehr hier sein sollen. Warum bist du eigentlich hier? Ich dachte, du studierst nicht mehr.”

Vherendie zog ihre Augenbrauen nach unten, und ihre Stirn grub tiefe Furchen. Ein Student rempelte sie an, sie schubste ihn mit ihrem Ellbogen weiter.

“Geht dich nichts an”, rief sie und trat an ihn heran. “Zumindest jetzt nicht. Erzähl´ich dir später.”

“Später”, knurrte er und blickte in ihre Augen. Ein schwacher Glanz lag auf ihnen, und er konnte fühlen, was das bedeutete – es fehlten die Kraft und die Hoffnung, die er früher immer in ihnen gesehen hatte.

“Später”, antwortete sie tonlos und nickte. “Lass’ uns gehen!”

14: Bein

Es fielen zwei trockene Gewehrschüsse. Ein paar Männer, Frauen und Kinder kreischten wie die verzerrten Geister einer vergangenen Zeit. Ancardias Pferd trippelte unruhig mit den Hufen, und erst nach ein paar Sekunden konnte sie sehen, wen die Kugeln getroffen hatten.

Verdammt, die nehmen ihre Befehle aber ernst, dachte sie. Ihr Herz klopfte.

Plötzlich wieherte ihr Pferd. Ancardia schrie auf, verlore den Halt und stürzte. Ihr blieb keine Zeit zu überlegen, wie sie fallen sollte. Der Boden raste auf sie zu und sie landete hart auf Händen, Ellbogen und einem Fuß, brach zusammen und rutschte mit einer Hand über das Pflaster. Sofort brannten ihre Handflächen, die Muskeln, und sie glaubte, einige Knochen brechen zu hören. War etwas gebrochen? Sie wusste es nicht. Ihr Herz klopfte. Sie war lebendig und bei Bewusstsein. War das noch echt? Alles geschah so langsam, und doch so schnell – in der weiten Ewigkeit vor ihr knallten Pferdehufe auf dem Pflaster, und bis sie in der Leere verschwanden, schienen Minuten zu vergehen.

Sie stöhnte auf und versuchte, sich wieder aufzurichten. Ihre gesamte linke Seite war mit dem Boden kollidiert. An der Hüfte spürte sie, wie der Schlüsselbund in ihrer Hosentasche einen langen, brennenden Schnitt in ihrer Haut hinterlassen hatte. Ihr Arm tat weh, der Ellbogen war aufgescheuert und blutete.

“Bei Andalor!”, rief eine Stimme neben ihr. “Sind Sie verletzt?”

“Sicher, sicher…”

Ancardia richtete sich auf und zuckte sofort zusammen. Ihr rechtes Bein schmerzte, sobald sie den Fuß aufsetzte. Unter ihrem Arm spürte sie einen anderen, dünnen Arm – jemand versuchte, sie zu stützen. An der Straße standen Menschen, die dunkle Fabrikarbeiteranzüge trugen. Sie starrten Ancardia an, als ob sie aus einer fremden Welt kam – dabei war sie nur vom Pferd gefallen. Zwei Männer brüllten und schimpften auf einen anderen ein; Ancardia konnte nicht hören, worum es ging. Kinder mit dreckigen Gesichtern hielten ihre Mütter und Väter an der Hand, und irgendwo bellte ein Hund.

Der Arm verschwand, als er merkte, dass sie alleine humpeln konnte. Ancardia sah sich um: An diesem Morgen waren die Zeitungen gefüllt gewesen mit Meldungen, Berichten und Verurteilungen; die Telegraphendrähte in der Stadt glühten nach den vielen Nachrichten, die die Redaktionen durch sie sendeten. Der Tagesbote spekulierte, das Hafenblatt vermutete, der Kulturkurier implizierte, der Stadtfreund hetzte und das Goldgedruckte Finanzmagazin riet seinen Lesern, in die neue Technik zu investieren, sollte sie denn zum Verkauf stehen. Doch niemand wusste wirklich etwas.

Ancardia wollte nur noch, dass es aufhörte. Kein Artikel mehr. Das war es nicht wert. Keine Menschen, die sich prügelten und erschossen. Kein Staub in der Luft. Sie schnallte ihren Rucksack fest auf ihren Rücken und begann zu laufen, so schnell es ihr Bein erlaubte. Ihre weite, dünne Stoffhose flatterte im Wind und folgte nur schwerfällig ihren Beinen. Ein Teil des Stoffes schien an ihrem Bein zu kleben, doch sie wollte nicht wissen, warum.

Ein leerer Klang zitterte über den Himmel. Etwas stampfte so schwer und unnachgiebeig, wie sie es nur von den Maschinen kannte, die in den Fabriken am Rand der Stadt schufteten. Motoren brummten, tiefer als eine Dampflok; und aus der Ferne drangen Schüsse, fallende Mauersteine, Schreie und ein endloses Heulen. Und ihr Hirn arbeitete, entwarf Metaphern für das, was sie hörte und sah: Das Chaos glühte in ihren Ohren. Ein Orchester des Untergangs spielte die primitivsten Melodien auf ungestimmten Instrumenten – nein, das war etwas zu viel. Neuer Versuch: Ein Haus, das zusammenfiel, schrie um Hilfe, und die Leben vieler Menschen zergingen in einem dumpfen Knall. Ja, das war besser – nein, das war furchtbar. Olisia würde sie feuern.

Ancardia humpelte in die Seitengasse eines Wohnviertels, in der alle Häuser gleich aussahen – man hatte ihre Wände und Dächer in Fabriken gefertigt und im Viertel zusammengesetzt. Dann bog sie falsch ab und landete vor dem Eingang einer leeren Schule. Sie keuchte und blieb stehen. Es rauschte über ihrem Kopf, und erst jetzt erkannte sie, was passierte: Feuer regnete auf die Stadt herab, in glühenden Bällen. Nicht weit von ihr entfernt schlug etwas ein, und eine rot leuchtende Wolke stieg über den Dächern auf. Kurz darauf wehte ein warmer Wind über ihren Kopf, der Staub und Asche mit sich trug. Sie strich mit der Hand durch ihre Haare, wischte ihre Finger an ihrer Hose ab und humpelte zurück in die Straße, aus der sie gekommen war. Ihr Herz klopfte, und ihr fehlten die Worte, es zu beschreiben.

15: Ausbruch

Nein. Nein! Nicht schon wieder!

“Verdammt! Lasst mich hier raus!”, schrie Nesfalador. Er riss an der Tür zu seiner Zelle. Sie gab nicht nach, sie klapperte noch nicht einmal.

“Scheiße!”, brüllte er und schlug wieder und wieder gegen die Tür, bis sein Arm müde wurde. “Warum will mir niemand zuhören!”

Er schrie seit mehreren Minuten. Sein Hals kratzte. Vielleicht hörte ihm tatsächlich niemand zu; die Wärter waren offenbar weg, die Gefangenen alleine in ihren Zellen. Fluchend sank er zu Boden und lauschte dem Krach, der durch das Gitterfenster in seine Zelle drang. Er kannte diesen Lärm, doch in Tharamant war er lauter. Es passte: Was es in der Welt auch gab, hier war es größer, riesiger und eben lauter.

Draußen hörte er eine Straßenbahn bremsen. Vor dem Gitter klackerten Schuhe vorbei, die auf hohen Absätzen liefen und zu nackten Waden führten, wie er es sich in seinem Kopf ausmalte. Müde vergrub er sein Gesicht in seinen Händen und zog seine Finger über die alte, faltige Haut, über die Augen, bis hin zu den Wangen. Auf den Straßen schrien die Menschen. Dann stand er wieder auf und stellte sich auf seine Zehenspitzen, um durch das vergitterte Fenster zu sehen.

“Lauft nur”, brummte Nesfalador und kratzte über seinen Bart. Die Stoppeln juckten. Überall juckte es. Sein Fuß trommelte unruhig über den Boden und wollte gegen irgendwas treten, doch das klapprige Bettgestell reichte ihm nicht. Draußen donnerte es schlimmer als bei jedem Gewitter, das er je erlebt hatte, und der Boden grollte jedes Mal, wenn die Stadt getroffen war. Nesfalador spürte jeden Einschlag in seinen Beine steigen, und die Schockwelle zitterte in ihm hoch, als ob seine Knochen selber vibrierten. Durch die Luft sirrte ein Pfeifen, das er nicht nur von den Feuerwerkskörpern kannte, die man in den Ländern von Kinta zündete – sondern auch aus seinen Erinnerungen.

Plötzlich brannte die Zelle. Nesfalador riss die Arme vor sein Gesicht und warf sich auf den Bauch. Die Hitze war unerträglich – er glaubte zu spüren, dass seine Haare Feuer fingen. Auf seinem Rücken landeten kleine, warme Steine und Staub. Er hielt die Luft an. Rauch und Staub füllten den Raum. In der Ecke der Zelle schepperte das Gitterbett, und etwas traf ihn am Bein. Nesfalador versuchte zu atmen und hustete, als er den Staub in seine Lungen sog. Er richtete sich auf und würgte. Noch konnte er nichts sehen – nicht nur wegen dem Staub, der in der Luft lag, sondern weil ihn etwas blendete. Durch seine Ohren drang ein durchgehender, hoher Ton, der alle anderen Geräusche übertönte.

“Das kann nicht gut sein”, dachte er, steckte sich einen Finger ins Ohr und wischte mit der anderen Hand den Staub aus seinem Gesicht. Dann öffnete er die Augen – ganz langsam. Die Sonne schien ihm direkt ins Gesicht. er streckte seine Hand vor sich. Erst nach einigen langen Sekunden konnte er sehen, was passiert war: Ein Sprengkörper hatte die halbe Wand aufgerissen. In der Zelle lagen zerbrochene Mauersteine, Staub bedeckte Boden und Wände, und die Matratze auf dem Gitterbett brannte – er glaubte fast sehen zu können, wie die Flammen sie schwärzer und schwärzer färbten.

Nesfalador schlurfte vorsichtig nach vorne, barfuß über spitze Mauersplitter. Die Explosion hatte ein Loch in die Wand gerissen, über das er auf den Bürgersteig klettern konnte. Eine Kutsche brauste an ihm vorbei, die zwei wiehernde Pferde zogen. Ihre Hufe hallten durch Schreie, Donnern und Grollen, die Räder des Wagens klapperten über das Kopfsteinpflaster: Sie verloren fast den Kontakt mit dem Boden. Niemand in Tharamant baute Kutschen für schnelle Fahrten.

Mit der Sonne im Gesicht ballte er seine Fäuste. Er war frei und setzte einen nackten Fuß vor den anderen. Niemand beachtete ihn – die flüchtenden Menschen rannten um ihn herum. Nesfalador sah zur Anstalt, in der er gesessen hatte. Ein Teil von ihm saß immer noch dort: Sein Rucksack, seine Kräuter, seine Wanderkleider und seine Stiefel lagen irgendwo in einem Raum, in irgendeiner Truhe.

Ein paar Sekunden starrte er zur Anstalt hoch. Hohle, runde Türme standen an ihren vier Ecken. Um ihre Gitterfenster hatten die Tharamantiner Wale, Fische und Krabben als Mosaik gelegt – das Gebäude war ein weiteres Juwel im Stadtbild. Hinein wollte womöglich niemand, und auch er wollte keine Sekunde länger an diesem Ort bleiben. Zu dumm, dass er musste; barfuß und ohne das Artefakt konnte er keinen Krieg beenden.

16: Dreiklang

“Kannst du mir bitte sagen, was du weißt?”, keuchte Vherendie. “Ich will es wissen. Jetzt!”

Vedian verdrehte die Augen, was sie nicht sehen konnte. Er lief kurz vor ihr. Sie näherten sich der Straßenbahnhaltestelle am Ende des Platzes – hier sollte es einfacher sein, sich in den Gassen zwischen den Häusern zu verstecken.

“Hör zu”, rief er ihr zu. Schon diese Worte bereute er, da ein stechender Schmerz an seinen Seiten zog. “Würdest du mir glauben, wenn ich dir sage, dass Kilíonor van Trinitas heute bei mir war, um mein Werk anzuerkennen und diesen Angriff hier vorauszusagen?”

“Nein, würde ich nicht. Angriff? Wieso?” Vherendie schnappte nach Luft. “Du spinnst doch.”

“So war es aber. Und jetzt, in Andalors Namen, komm bitte mit!”

Vedian hatte noch nie gehört, wie jemand um sein Leben schrie. Ein schwarzer Mantel umschloss sein Herz. Sie waren so viele, und sie kamen von überall her. Studenten, Professoren, Sekretäre, und wer auch immer noch unter ihnen war. Jemand, der schneller als er war, stieß Vedian beinahe um. Vor ihm stolperte jemand und fiel auf den Boden Vedian lief vorbei und sah nicht hin.

Als er an der Haltestelle ankam, drehte er sich um. Er konnte Vherendie nicht sehen. Sein Herz begann zu klopfen, und er blieb stehen, stellte sich auf seine Zehenspitzen, um sie finden zu können. Dann zitterte der Boden unter ihm. Ein Feuerball zerfetzte das Dach der Universität am anderen Ende des Platzes. Eine graue Wand aus Staub raste über die freie Fläche, und die Säulen am Eingang knickten wie Bäume in einem schweren Unwetter. Der Turm fiel zusammen, die Mauern auseinander.

“Was starrst du so? Lauf’ weiter!”, rief eine Stimme neben ihm. Er schrak zur Seite und starrte in Vherendies Gesicht. Eine Strähne hing vor ihrem Auge, und ihre Haut glänzte. Dann erst sah er, dass sie jemanden stützte. Dem Alter nach musste sie eine Studentin sein. Sie war wach, aber offenbar konnte sie ihren Fuß nicht aufsetzen.

“Oder hilf’ mir wenigstens”, rief Vherendie. “Die hätten sie sonst niedergetra-“

Plötzlich warf sich etwas in seinen Rücken. Mit seiner freien Hand griff Vedian nach Vherendie und fiel auf den Boden. Hinter ihm und über ihm donnerte es, und trockener Staub flog wie ein Schwarm auf ihn herab. Trümmer aus Stein und Holz. Splitter aus Metall und Glas regneten zu Boden. Er spürte einen Fuß, der an seinem Bein hängen blieb und jemand anderen zu Fall brachte, und als der Lärm unerträglich wurde, presste Vedian seine Handflächen gegen seine Ohren und schloss die Augen.

Der Donner verschwand nach einer Weile, und die Schreie auch. Sie wichen den Tränen. Lautes Heulen drang von allen Ecken des Platzes, aus der Straße und aus der Stadt. Vedian öffnete die Augen und erblickte eine Tür, die vor ihm auf dem Boden lag. Ein langer Riss prangte in ihrer Mitte, und an einer Seite hing noch immer ein Fetzen Holz aus einem Türrahmen an einem Scharnier. Steinbrocken, Marmorbrocken und zersplitterte Holzbalken lagen auf dem alten Kopfsteinpflaster der Straßen und den glatten Bodenplatten des Platzes, und überall war der Staub, der ihm Sicht und Atem nahm.

Neben ihm bewegte sich ein Schatten. Vherendie sprang auf und rannte zum Platz. Vedian riss die Augen auf und hob sich auf die Beine, stand auf und folgte ihr.

“Vherendie”, murmelte er, obwohl er sich sicher war, dass sie ihn nicht hören konnte. In seinem Kopf klang es lauter. “Vherendie! Bleib stehen!”

Aus den Trümmerhaufen, an denen er vorbeischlurfte, ragten Arme, Beine und Hälse, Oberkörper, Finger und Füße. So viele Menschen riefen um Hilfe, andere starrten in die Leere. Andere halfen und glaubten zu helfen, zerrten an leblosen Gliedmaßen, wischten Dreck aus Gesichtern, holten Wasser oder versuchten, die Wunden mit ihren dreckigen Kleidern zu reinigen. Sie weinten vor den Trümmern, unter denen nur noch tonloses Blut hervorsickerte.

In der Luft lagen Tränen, Echos und der Donner aus anderen Teilen der Stadt. Der alte Baum in der Mitte des Platzes brannte, und zwei Schatten im Staubnebel versuchten ohne Erfolg, den Brand zu löschen. Ein Mann suchte nach seinem Arm, und eine Frau versuchte, ihn von diese Ort wegzuzerren, doch wie besessen grub er mit seiner linken Hand im Dreck, zwischen Steinen und Leichen. Jemand rief um Hilfe, und die Luft stank nach verbranntem Fleisch. Jeder Meeresduft war aus der Luft gewichen; der Gestank von Staub, Feuer und Blut trat an ihre Stelle. Etwas weiter an der Straße stand eine Frau, die ihr Kind aus einem Krater zog. Staub und Schmutz klebten in ihren Gesichtern – niemals hatte er die eitlen Tharamantiner so schmutzig gesehen. Weiße Kleider hingen in Fetzen von Armen und Schultern wie die Äste von Trauerweiden über einem Nebelsee. Zerdrückte Hüte lagen in den Kratern, und Frisuren deuteten in alle Richtungen. Vedian fasste mit seinen Fingern in sein Gesicht und sah danach auf seine Fingerkuppen. Eine dicke Schicht Staub klebte auf ihnen.

Er konnte nicht glauben, an diesem Morgen aufgestanden zu sein; er wollte nicht glauben, dass diese Welt nur noch aus Chaos bestand. Fast schien es ihm, als ob die Straßen und Gebäude wie Korkenzieher gen Himmel zu wachsen begannen – es hätte nicht weniger Sinn gemacht als der Staub- und Feuersturm. Steine und Putz tropften wie Regen von den Dächern der Häuser, Säulen fielen wie gefällte Bäume und der Boden öffnete Löcher, groß genug, um mehrere Menschen in ihnen zu begraben. Wie leicht zerfiel Ordnung zu Unordnung, wie viel Energie und Zeit es gekostet hatte, diese Stadt aufzubauen – zweitausend Jahre Tharamant verbrannten an einem einzigen Tag, vor allem die Einwohner, mit all ihren Plänen, Träumen, Wünschen und Hoffnungen. Vorgestern war es gewesen. Vorgestern hatte Vherendie ihm erzählt, dass sie andere Pläne hat. Und sie war nur eine Einwohnerin. Am Tag zuvor hatten vielleicht zwei Menschen geheiratet. Irgendwo in Tharamant begrub ein zerstörtes Haus eine Familie mit einem Schüler, der gerade seine Meisterprüfung bestanden hatte. Sie wollten dies heute groß feiern. Und an einem anderen Ort in Tharamant lag vielleicht einer von seinen Studenten auf dem kalten Pflaster der Stadt, leblos, mit weiten, dunkel umrandeten Augen, ohne Atem, blass und vom Staub der Stadt zugedeckt.

Vedians Herz wurde schwer. Wer auch immer die Stadt angriff, er vernichtete nicht nur seine Welt, sondern die tausender.

“Hilf mir!”, rief eine Stimme aus dem Nebel. Vedian fuhr herum. Ein Haufen Steine, und ein Gesicht, das er kannte. Professor Yhorand, Mathematik. Sie hatten mal ein Bier zusammen getrunken, auf der Frühsommerfeier der Universität im letzten Jahr.

“Yhorand, bei Andalor”, murmelte Vedian und erschrak. Der Oberkörper des Professors ragte unter einer schweren Steinplatte hervor, die in einem Stück aus einer Wand gerissen worden war. Auf der Platte prangte ein bunter Wal, der Luft aus seinem Blasloch blies.

Vedian beugte sich zu ihm herab.

“Es liegt auf dem rechten Bein”, presste Yhorand zwischen seinen Lippen hervor. “Die Hüfte ist wahrscheinlich auch hinüber. Ich… Ich kann sie nicht alleine heben.”

“Was soll ich tun, was soll ich tun”, murmelte Vedian immer wieder. Er griff mit den Händen an die Platte, doch sie wollte sich nicht bewegen. Dann wechselte er seine Position, fasste mit beiden Händen unter die Platte. Der Stein war kalt an seinen Fingern.

Er drückte, presste und hob, doch die Platte bewegte sich nicht.

“Kannst du mithelfen, Yhorand?”, rief Vedian. “Kannst du etwas bewegen?”

“Vedian!”, rief eine Stimme hinter ihm, und bevor er sich umdrehen konnte, stemmten sich bereits zwei weitere, dunkle Hände unter die Platte. Vherendie zählte an.

“Eins, zwei, drei”, sagte sie. “Komm’ schon!”

Zusammen schafften sie es, die Platte zu bewegen – wenige Zentimeter. Vedians Herz klopfte, und seine Arme brannten – doch schlimmer war es, als Vherendie ihm sagte, dass sie die Platte wieder ablegen müssen.

“Yhorand”, rief Vedian. “Ein wenig Hilfe?”

Zwei paar weitere Hände packten an den Stein, und zusammen schafften sie es, die Platte zu heben und auf die andere Seite zu werfen. Vedian blickte auf Yhorand hinab und erschrak: Ab der Bauchlinie verschwanden Hüfte und Beine in einem Chaos aus Blut, Kleidungsresten und zersplitterten Knochen. Rot, Grau und ein gelbliches Weiß mischten sich nach Belieben und ohne feste Form. Yhorand stöhnte.

“Nein”, stammelte Vedian. “Nein. Das darf nicht sein. Das kann ich nicht.”

Er drehte sich um und rannte. Er hörte, wie Vherendie seinen Namen rief, doch er hörte nicht hin. Er wollte, er musste diesen Ort verlassen, raus aus der Stadt. Er hätte nicht hierbleiben dürfen.

Vedian blieb stehen, kurz nachdem er den Platz verlassen hatte. Er sah sich um und versuchte, eine Richtung zu finden. Überall war Staub, überall waren Schreie, überall war Donner. Eine Hand fasste seine Schulter, und ihr Griff war stärker, als er erwartet hatte.

“Was ist?”, fragte Vherendie und stützte sich mit den Händen auf ihre Knie. In ihren Atemzügen steckte ein Rasseln, das tief aus den Lungen zu kommen schien; er fragte sich, ob sie Schmerzen hatte.

“Was soll schon sein!”, schnaufte er und hatte Mühe, seine Tränen zurückzuhalten, als er sie ansah. “Du hattest Recht. Was hat es denn für einen Sinn. Den ganzen Kopf voller Wissen und keine Ahnung, was ich tun soll.”

Der Staub, der überall in der Stadt aufstieg, verdunkelte den Himmel. Immer wieder schien ein silberner Blitz durch die grauen Wolken. Aus dem Osten hörte er den letzten Feuerball. Dort lag der Hafen; Vedian stellte sich vor, wie der Feuerregen sämtliche Kontore zerstört, die Wohnhäuser verbrannt und unzählige Schiffe versunken hatte. Es musste überall so aussehen wie hier.

“Ist es vorbei?”, murmelte Vherendie. Der überweltliche Feuerregen war zu Ende, und die Stille der Gasse verschluckte für einen Moment ganz Tharamant.

“Ich habe keine Ahnung”, sprach er. Seine Stimme schien durch die Leere zu hallen. “Was weiß ich. Vielleicht machen sie eine Pause und trinken einen Tee, oder sie laden nach.”

Sie sah ihn an aus kleinen Augen an und verschränkte ihre Arme.

Ein hohler Klang wie aus tausend tiefen Blechhörnern drang durch die Stadt. Er hallte durch den Himmel, von Schiff zu Schiff, wie der Gesang von Walen aus den Untiefen des Ozeans. Die Luftschiffe aus dem Osten antworteten mit einem höheren Klang.

“Das ist eine Quinte über dem Grundton…”, rief er.

“Woher weißt du das und was kümmert dich das?”, antwortete sie und hustete. Kurz darauf erschallte aus dem Westen ein weiterer Ton, doch dieser war tiefer als der erste. Vedian fühlte, was die Wale sangen: Ergebt euch; ergebt euch, denn ihr könnt uns nicht entkommen.

17: Keller

Wenige Kreuzungen später kam Ancardia in die Straße, in der sie mit Dahales zusammen wohnte. Hastig humpelte sie die Straße hinauf, fiel durch die Tür und in das Treppenhaus hinein. Dahales hatte sie schon gesehen und nahm sie in den Arm, ohne etwas zu sagen. Sie atmete schwer, und sie schwitzte am ganzen Körper.

“Was ist das da draußen?”, keuchte sie, während Dahales ihr die Treppe hinauf half. Sie wollte auf den Boden fallen. Ihr war übel; sie schloss die Augen und versuchte, ruhig zu atmen. “Ich habe da draußen… Ich habe da draußen Leute kämpfen gesehen.”

Als sie oben in der Wohnung ankamen, humpelte Ancardia auf den Balkon und glaubte nicht, was sie in der Stadt sah. Wie aus einem Sandsack, den ein Pfeil trifft, platzten Staub und Stein aus dem Dach der Oper heraus. Balken barsten und raubten einem ganzen Stück der Südwand den Halt. Im Westteil der Stadt stürzte einer der weißen Obelisken in eine Häuserreihe, und vom Hafen her drang ein unwirkliches Getöse und ein Feuer, dessen Hitze Ancardia selbst hier zu spüren glaubte.

“Warum blutest du?”, fragte Dahales. “Dein Bein. Da ist Blut.”

“Ist nicht meins”, log sie.

“Das macht es nicht besser”, brummte er und starrte auf eine Stadt, aus der Staub in die Luft stieg wie der Dampf aus einem Kochtopf, dessen Deckel man anhob. Sie rannte plötzlich zurück ins Zimmer, warf ihre Kleidung bei Seite und begann zitternd, sich in etwas anderes hineinzuzwängen. Hemd, Weste, Hose, Gürtel, Stiefel. Dann nahm sie Äpfel aus der Obstschale, ein Brot und zwei Glasflaschen, die sie mit Wasser füllte, steckte all das in ihren Rucksack und schnallte ihn auf ihren Rücken.

“Was ist da draußen los?”, schrie sie ihn durch den Lärm hindurch an. Sie spürte, wie ihre Lippen zitterten, und wie ihre Augen feucht wurden.

“Woher soll ich das denn wissen?”, rief er zurück. “Warum klebt da Blut an deinem Bein?”

Ancardias Herz polterte. “Die Schreie einer sterbenden Stadt schmirgelten sich durch ihre Gehörgänge”, dachte sie und verwarf den Gedanken wieder. Warum waren ihre ersten Gedanken immer so schlecht? Am unteren Ende der Straße krachte ein Feuerball in eine Reihe Wohnhäuser. Er polterte an seiner Rückseite wieder heraus und explodierte in der Luft. Dabei zündete er ein paar Bäume an, die auf dem Grünstreifen zwischen Häusern und Fußweg wuchsen. Staub schoss in die Luft, und ein fliegender Stein aus dem zerstörten Wohnhaus zertrümmerte den Balkon eines anderen.

Sie taumelte.

“Wir müssen hier weg!”, rief sie. Sie überlegte, ob sie eben einen brennenden Menschen gesehen hatte, der schreiend die Straße hinunter lief. “Wir müssen die Stadt so schnell wie möglich verlassen!”

“Vergiss es“, antwortete er und schüttelte den Kopf. “Wir müssen in den Keller. Auf der Straße sind wir tot, wenn das so weiter geht.”

Ancardia blickte kurz zur Seite, dann nickte sie. Dahales hetzte in die Küche und packte einen Reisesack. Er prügelte Brot und Salz in kleinen Taschen in den Sack. Dann füllte auch er Wasser in eine alte Weinflasche. Zuletzt verstaute er ein kleines Portrait seiner Eltern im Sack, das etwa die Größe einer Postkarte hatte.

“So. Das müsste für zwei Tage reichen”, sprach er.

“Oder für drei, wenn du dich zusammenreißt”, sagte Ancardia. Sie wusste selber nicht, wie sie das meinte, und ob sie lächeln oder weinen sollte. In ihren Augen standen immer noch Tränen. Sie wagte es nicht, an den Spiegel zu denken – sie musste furchtbar aussehen. Dann öffnete sie die Tür und humpelte aus der Wohnung ins Treppenhaus. Dahales kam auf die Treppe, doch er folgte ihr nicht.

“He, was willst du da oben?”, rief sie ihm zu.

“Wo lebst du denn?”, fragte er. “Wir sind hier nicht allein.”

Sie nickte. “Klar. Ich gehe schon einmal vor. Ich liebe dich!”

“Ich dich auch. Bis gleich!”

Im Keller leuchteten drei dünne Kerzen an den Wänden. Hier wartete schon die Familie Karintar, die im Erdgeschoss wohnte. Feyhen Karintar, die ungefähr so alt wie Ancardia war, umarmte sie flüchtig.

“Bei Andalor, was ist da draußen los?”, fragte sie. Ihr Gesicht war blass. Manche Männer mochten das anscheinend.

“Ich weiß es nicht”, antwortete Ancardia. “Dahales kommt gleich, er holt Lhene und Jerimas von oben.”

“Du siehst furchtbar aus.”

“Ich weiß, ich weiß”, sagte Ancardia und winkte ab. “Mein Tag war nicht der beste.”

Feyhen setzte sich, Ancardia legte ihren Rucksack ab und nahm einen Schluck Wasser, bis ihr einfiel, dass sie keine Ahnung hatte, wie lange sie im Keller sitzen würde. Sie zitterte immer noch. Dumpf drang das Donnern durch die Wände, und es war so still und kühl hier unten. Der Sohn der Karintars zuckte bei jedem Knall zusammen und klammerte sich an den Arm seiner Mutter. Ancardia kratzte nervös mit den Fingern über ihren Handrücken. Immer wieder sah sie zur Tür: Dahales war immer noch nicht da.

Obwohl ihr Bein schmerzte, schaffte sie es nicht, sich auf die Bank zwischen Heizkessel und Lagerregal zu setzen. Sie klopfte mit dem Fuß auf dem Boden. Jede Sekunde wuchs weit über ihre tatsächliche Länge hinaus. Die Kerzen flackerten und warfen hässliche Schatten an die rauhen Kellerwände, auf den Heizkessel und die Vorratskisten, die im Regal standen.

Die Tür sprang auf. Dahales kam herein und stützte Lhene. Die Alte – so hatte sie sich selbst vorgestellt, als Dahales und Ancardia eingezogen waren. Jerimas, dem seine Eltern oben ein Zimmer für seine Händlerlehre bezahlten, folgte ihnen. Lhene schüttelte den Kopf. Sie murmelte unverständliche Worte, aber in Ancardias Ohren klangen sie wie Gebete. Vielleicht klagte sie aber auch, dass sie zu alt war, um so einen Angriff zu erleben – Ancardia konnte es nicht hören. Ancardia wollte es nicht hören.

“Feyhen, mach’ mal Platz”, sagte Dahales. Gemeinsam setzten sie Lhene auf die Bank. Im schwachen Licht der Kerze sah Ancardia, dass ihre Augen weit waren und hastig in alle Richtungen sahen, als ob sie nicht wüsste, wo sie wäre und was geschähe. Draußen donnerte es dumpf.

“Komm’ her, meine Liebe”, sprach Dahales und nahm Ancardia in den Arm. “Wir schaffen das, es wird bald vorbei sein. Uns passiert nichts.”

Sie glaubte ihm nicht. Sie wusste, dass in seiner ruhigen Stimme die gleiche Angst lauerte, die sie selber spürte. Niemand wusste, wann es enden sollte, und niemand wusste, wer es überleben sollte. Sie konnte sich nicht konzentrieren. Der Feuerhagel regnete draußen auf die Stadt herab, ihre Beine brannte, und der Artikel war verloren. Ancardia fiel tief in die Arme von Dahales und drückte sich fest an seinen runden Bauch. Über seine Schulter sah sie, wie die anderen sich gegenseitig trösteten.

“Es ist bald vorbei”, murmelte Lhene immer wieder, doch es konnte auch alles andere bedeuten. Ihre rauhe, alte Stimme blieb zwischen den Wänden des Kellers kleben. Die Karintars umarmten sich und schwiegen. Jerimas klammerte sich mit seinen Fingern an der Bank fest, auf der er saß. Der Donner blieb, und es fehlte noch immer der Rhythmus. Ancardia umklammerte Dahales.

“Andalor, wann nimmt das nur ein Ende?”, fragte Dahales und streichelte unruhig über Ancardias Rücken. Feyhen setzte ihren Sohn auf ihren Schoß und schaukelte ihn vor und zurück. Ihre Haare lagen wild durcheinander, und ihr Gesicht zeigte, dass sie eigentlich weinen und nicht spielen wollte. Ancardia ahnte, warum sie es trotzdem tat.

Plötzlich flackerten die Kerzen. Etwas klirrte draußen. Ein Luftzug – woher auch immer er kam – blies eine Kerze aus. Nervös klopfte das Herz in Dahales’ Brust; Ancardia konnte spüren, wie sich die Muskeln in seinen Armen zusammenzogen, als ob er sie nie mehr los lassen wollte. Dann löschte ein weiterer Luftzug die letzten Kerzen und es wurde dunkel.

“Scheiße”, sagte Ancardia.

“Red’ nicht so vor meinem Kind”, murmelte Feyhen ihr aus dem schwarzen Nichts entgegen. “Obwohl du Recht hast. Wir sollten nicht hier sein. Wir sollten-“

Donner rüttelte and Wänden des Kellers. Lhene stöhnte auf wie ein alter Hund, der die Zeichen eines Erdbebens spürt und weiß, dass er nicht mehr fliehen kann. Die zischenden Bahnen der Feuerbälle dumpften weiterhin in den Keller hinein, als wären sie Geister, die durch Wände gehen können. Ancardia horchte in die Kellernacht, klammerte sich an Dahales und zitterte. Wie ein rostiger Nagel rammte sich der Ton tief in ihren Kopf. Es wurde eng in der Dunkelheit. Sie musste öfter Luft holen, kleine, hektische Züge.

Dann wurde es still, und der Moment kam Ancardia wie eine Ewigkeit vor. Der letzte Feuerball rauschte im Norden der Stadt hinab, doch ob das stimmte, konnte niemand sagen. Der Keller hielt den Atem an.

Plötzlich zitterten die Kellerwände. Drei Töne röhrten übereinander durch den Raum und schlugen auf die Gasrohre wie auf eine riesige Stimmgabel. Ancardia spürte ihren eigenen Herzschlag rasen. Der Raum wurde immer enger, immer fremder und feindseliger.

“Dahales, kannst du das Licht wieder anzünden?”, fragte sie. “Hast du Streichhölzer? Irgendwas?”

Er antwortete ihr nicht, sondern umschloss sie fester mit seinen Armen. Es half ihr nicht. Sie brauchte Licht.

Dann trommelten Schüsse außerhalb des Kellers. Über das Pflaster flitzten schnelle Stiefel, Dampf zischte und der Rhythmus schwerer Maschinen stampfte durch die Straßen. Es mussten Maschinen sein, dachte Ancardia. Sie hatte die Luftschiffe gesehen.

Es donnerte, unzählbar oft, aus so vielen Richtungen. Schüsse ballerten und weitere Feuerbälle rauschten durch die Luft. Ancardia sah Feuer. Sie schrie. Die Flammen rasten auf sie zu wie ein glutfarbener Nebel mit gleißend hellen Fingern, die sich endlos ausdehnten. Sie konnte das Feuer riechen, fast schon schmecken, und es roch und schmeckte wie ihr eigener Tod.

Doch die Feuerwand erreichte sie nicht. Sie klammerte sich an Dahales und schrie.Wie ein wildes Tier im Käfig schlug es immer wieder gegen eine Wand, tigerte fauchend von einem Ende des Kellers zum anderen und verlor nicht den kleinsten Teil Hitze. Sie zitterte und schwitzte. Für den Bruchteil einer Sekunde glaubte sie, eine Welle aus Licht zu sehen, die vor dem Feuer stand, doch es konnte nur blanke Luft sein. Überall keiften und bissen Flammen, und in ihnen rasten Trümmerbrocken, die in der Luft zersprangen. Die Decke krachte über ihr zusammen, und das Feuer sprang in die Höhe.

Die Flammen verschwanden, und es wurde dunkel. Ancardia zitterte. Von irgendwo drang Tageslicht in den Keller.

“Was… Was war das?”, stotterte sie. Dahales nahm eine Hand von ihrem Rücken, und sie nahm ihre Hände von ihm.

“Dahales, was war das? Was ist passiert?”

Sie blickte nach oben. Der Keller lag frei, und das obere Haus gab es nicht mehr. Es lag mit geöffnetem Brustkorb auf dem Friedhof, der die Stadt Tharamant war. Dahales holte tief Luft. Es dauerte einen Moment, bis sie weinen konnte.

“Der Gaskessel ist explodiert”, murmelte Dahales.

“Was ist passiert”, stammelte sie und sah sich hektisch um. “Was ist passiert. Was ist passiert. Warum kannst du sowas.”

“Reflexe”, antwortete Dahales. Er atmete schwer. “Ich bin damit geboren. Ich muss nicht einmal dran denken.”

Ancardia starrte von einem Steinhaufen zum nächsten, dann sah sie Dahales an.

“Reflexe”, murmelte sie. “Wann wolltest du mir davon erzählen.”

Dahales antwortete nicht, denn Ancardia fragte nicht, sondern sprach lediglich aus, was sie dachte. Er schloss die Augen.

“Reflexe”, wiederholte sie. “Was habe ich gerade gesehen.”

“Ancardia, wir sollten weiter-“

“Reflexe”, sagte sie, mit Nachdruck, und trat einen Schritt auf ihn zu. Sie zitterte noch immer.

“Ein Energiefeld”, erklärte Dahales. “Es baut sich in Wellen auf, die sich so schnell bewegen, dass sie eine Art Wall bilden. Alles, was zwischen die einzelnen Wellen gerät, wird in der Luft getrennt.”

“Und wenn es deine Frau ist, die neben dir im Bett liegt”, schnaufte Ancardia. Sie spürte, wie sich in ihren Augen Tränen sammelten. “Wenn du einen Albtraum hast und sie genau im richtigen Abstand zu dir liegt, was ist dann?”

Dahales traute sich nicht, sie anzusehen. Ancardia drehte sich um und trat an das Loch heran, das der Gaskessel in den Boden gesprengt hatte – das Wasser der Kanalisation rauschte unter ihr.

“Sie sind alle tot. Und ich stehe hier und streite mit dir”, sagte Ancardia. Dann sank sie auf die Knie und weinte.